DORIS SENN

HORIZONTES (EILEEN HOFER)

Schemenhaft taucht sie auf: eine Tänzerin im Tutu, sich wie im Wind wiegend, dahinwelkend. Ein Schwarzweissfilm aus früheren Zeiten. Alicia Alonso heisst die Balletteuse – ein Weltstar mit kubanischen Wurzeln, die als Giselle und Carmen brillierte und ein Leben in grosser Treue zu Kuba und zur kubanischen Revolution lebte. Längst sind andere in die Fussstapfen der 94-Jährigen getreten. Nach weiteren Archivbildern, auf denen Alicia schier endlos Pirouetten zu drehen scheint – im Fachjargon «Fouetté» genannt –, wechselt der Film mit Matchcut auf eine Tänzerin, die sich nicht minder perfekt im Rund dreht: die 40-jährige Viengsay Valdés, Primaballerina und seit fast 20 Jahren beim kubanischen Nationalballett. Und weiter zur ebenso grazilen wie hübschen Amanda. Die 14-Jährige Tanzstudentin in Havanna muss noch viel üben, um die Pirouetten hinzukriegen, tut das aber beflissen und unermüdlich. Ein Kind noch – Stofftiere bevölkern ihr Bett –, biegt sie noch vor dem Einschlafen tapfer mit beiden Händen ihre Zehen um, damit diese noch geschmeidiger werden.
 
In ihrem ersten langen Dokumentarfilm gibt die 40-jährige Eileen Hofer ein visuell bestechendes Essay. Dabei legt sie ihr Hauptaugenmerk auf die Primaballerina assoluta Alicia Alonso. Diese wird bis heute in Kuba hoch verehrt – und hat nicht nur eine grosse tänzerische Karriere hinter sich, sondern auch einen menschlich beeindruckenden Lebensweg, wurde sie doch im Alter von zwanzig Jahren blind und erlangte ihr Augenlicht erst nach mehreren Operationen wieder – und auch dies nur ansatzweise. Sie tanzte trotzdem. Einnehmend zeichnet Horizontes die drei Persönlichkeiten, gibt Einblick in das Leben Alicias, wobei die Kamera (Grégory Bindschedler) oft in Grossaufnahme auf ihrem maskenhaften Gesicht verweilt, auf ihren Händen: knochige Finger, übersät mit Altersflecken und von blauen Äderchen überzogen. Aber auch den harten Alltag der jüngeren Tänzerinnen zeigt Horizontes – und damit auch etwas vom prekären Leben in Havanna, dessen Kulisse sich zwar pittoresk, aber auch sehr ärmlich zeigt. Innen wie aussen. Was für ein Bild, wenn die junge Amanda, neben ihr das Tutu, sich im engen und dunklen Badezimmer erschöpft niedersinken lässt!
 
Eileen Hofer gelingt mit Horizontes ein eigenwilliges, ebenso respektvolles wie atmosphärisch dichtes Generationenporträt, für das Heidi Happy eigens einen melancholischen Popsong geschrieben hat, «With My Heart», der die grosse Leidenschaft der drei Protagonistinnen für den Tanz thematisiert, für den sie bereit waren und sind, über sich – und den Horizont – hinauszuwachsen.
Doris Senn
*1957, Studium der Romanistik, der Euro­päischen Volksliteratur und der Filmwissenschaft. Freie Filmjournalistin sowie seit 2001 Co-Leiterin des schwullesbischen Filmfestivals Pink Apple. Lebt in Zürich.
(Stand: 2017)
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