SIMON MEIER

AMNESIA (BARBET SCHROEDER)

SELECTION CINEMA

Die Ferieninsel Ibiza in den Neunzigerjahren: Martha (Marthe Keller), eine ältere blonde Frau, lebt seit Langem zurückgezogen auf einem abgeschiedenen Fleck der Insel. Als der junge Berliner Jo (Max Riemelt), der auf Ibiza sein Glück als DJ versuchen will, in das Haus neben ihr zieht, beginnt die wohlgeordnete Isolation von Martha langsam aber unaufhaltsam durchbrochen zu werden: Jo, von der geheimnisvollen Dame angezogen, dringt immer tiefer in ihre Existenz ein und beginnt, die von ihr verschwiegene Vergangenheit Stück für Stück auszuleuchten. Martha redet nur Englisch und Spanisch und hat eine seltsame Aversion gegenüber allem Deutschen: Sie will nicht in Jos deutschem Auto mitfahren und keinen deutschen Wein trinken. Trotz ihrer sozialen Abgeschiedenheit und ihrer Vorbehalte ist sie dem jungen Berliner gegenüber jedoch erstaunlich aufgeschlossen und interessiert sich für seine neuartige elektronische Musik.

Amnesia versucht einen ungewohnten Blick auf die Techniken der Vergangenheitsbewältigung einer Deutschen zu werfen, die ihr Leben lang mit den Verbrechen des Nationalsozialismus gehadert hat, für die sie sich trotz ihrer Emigration nach der Machtergreifung der NSDAP mitverantwortlich fühlt. Durch den lebensfrohen, aufgeschlossenen Jo findet Martha neue Sympathie für ihre lang gemiedene Heimat. Leider kommt die filmische Umsetzung des Identitätswandels und der platonischen Liebesbeziehung etwas konstruiert und hölzern daher: Zu schnell und reibungslos finden die beiden Protagonisten zueinander, zu rasch folgt die Auflösung aller aufgeworfenen Konflikte und Unklarheiten. Da der Zuschauer gleich ganz zu Beginn über Marthas deutsche Vergangenheit aufgeklärt wird und sie die englischen Dialoge mit einem stark deutschen Akzent spricht, ist die Offenbarung ihrer Deutschkenntnisse, die Martha für Jo in einem neuen Licht erscheinen lassen, wenig überraschend. Auch die Sequenz des Besuches von Jos Mutter und Grossvater (Bruno Ganz), während dessen verdrängte Kriegesgräuel und Schuldgefühle aufgedeckt werden, wirkt trotz ihrer thematischen Brisanz aufgrund der wenig differenzierten Thematisierung der Schuldproblematik wenig überzeugend. Demgegenüber stehen einige starke Sequenzen, in denen der Film die Befindlichkeiten der Figuren bedeutungsoffen und unkommentiert aufzeigt: Wenn Martha seit Jahren zum ersten Mal wieder zu ihrem Cello greift oder sie sich zu Bildern einer riesigen Lärche ein Gedicht über müde Wanderer in einer stillen Abendlandschaft vorliest. Dann ist etwas von der filmischen Atmosphäre und dramaturgischen Dich­te zu spüren, die man sich für den ganzen Film gewünscht hätte.

Amnesia lief im Programm der Festivals von Cannes, Locarno, Prades und La Rochelle.

Simon Meier
*1986, Studium der Ethnologie, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitete von 2007–2013 als Videotheksassistent am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Er lebt in Zürich. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2017)
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