SIMON MEIER

IRAQI ODYSSEY (SAMIR)

SELECTION CINEMA

In seinem ersten Kinofilm seit neun Jahren erzählt Samir die bewegende Geschichte seiner Familie, die untrennbar mit dem Schicksal des Irak und dessen Kriegswirren verbunden ist. Von seinen zahlreichen Cousins, Cousinen, Onkeln, Tanten und Geschwistern wählt er diejenigen aus, die aus seiner Sicht die unterschiedlichen Schicksale und Ereignisse seines Heimatlandes am prägnantesten repräsentieren: seinen Onkel Sabah Jamal Aldin und seine Tante Samira Jamal Aldin, beide studierte Mediziner; seinen Cousin Jamal Al Tahir, Atomphysiker; seine Cousine Tanya Uldin, Anthropologin; seine Halbschwester Souhair Jamal Aldin, gelernte Elektroingenieurin, und sich selber. Sabah, Samira und Jamal engagierten sich nach dem Sturz des durch die britische Kolonialregierung eingesetzten Königs alle drei in der kommunistischen Bewegung. So wollten sie den Irak in die Moderne führen und zu einem weltoffenen, fortschrittlichen Staat formen. Auf diese Weise wurden sie aber gleichzeitig zu Feinden der erstarkenden Baath-Partei und deren Machthaber und waren schon bald gezwungen, ins Exil zu gehen. Auch Samirs dreissig Jahre jüngere Halbschwester Souhair war durch den Dritten Golfkrieg dazu genötigt, ihre Heimat zu verlassen.

Durch den persönlichen Zugang über die Einzelschicksale der Familienmitglieder zeichnet Samir ein faszinierendes Mosaik der Geschichte des Irak und seiner Menschen, wie es die gängige Geschichtsschreibung und Medienberichterstattung nicht zu vermitteln imstande sind. Unterstützt durch private und öffentliche Archivaufnahmen, Fotografien, Spiel­filmausschnitte und Nacherzählungen der Protagonisten, erfährt man von zahlreichen geschichtlichen Entwicklungen des Landes, die den persönlichen Erlebnissen gegenübergestellt werden. So wird man Zeuge einer Blütezeit des Landes in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, als wirtschaftlicher Wohlstand sich ausbreitete, Frauen emanzipiert waren und sich eine offene, moderne Gesellschaft zu etablieren begann – alles Dinge, die so gar nicht mit dem heutigen negativen Bild des Irak übereinstimmen wollen. Neben der detaillierten Nachzeichnung der irakischen Geschichte samt ihrem kulturellen Reichtum ist Iraqi Odyssey aber vor allem auch ein Film über das Leben in der Diaspora und den damit in Verbindung stehenden Schwierigkeiten und Möglichkeiten: So migrierte Samirs Onkel Sabah von einem Land ins nächste, wurde aber wegen seiner Weigerung, sich einer Partei anzuschliessen, immer wieder vertrieben oder zog von sich aus weiter. Er ist es auch, der das Schicksal des Irak mit der Geschichte von Odysseus vergleicht und es als eine nicht enden wollende Irrfahrt begreift.

Iraqi Odyssey wurde als Schweizer Beitrag bei den Oscars 2016 eingereicht.

Simon Meier
*1986, Studium der Ethnologie, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitete von 2007–2013 als Videotheksassistent am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Er lebt in Zürich. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2017)
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