SIMON MEIER

BELINDA SALLINS DARK STAR – HR GIGERS WELT (BELINDA SALLIN)

SELECTION CINEMA

HR Giger war ein Weltenschöpfer, ein vom Malen Besessener, der sich in seinem Haus in Zürich-Oerlikon ein eigenes Paralleluniversum, einen eigenen finsteren Stern schuf: In stets verdunkelten Räumen kreierte und sammelte er Bilder, Skizzen, Skulpturen und Bücher. Meist schlief er am Tag und entwarf nachts seine unverkennbaren Gemälde, in denen surreal-makabre Wesen, halb organisch, halb mechanisch, die Welt bevölkern. Belinda Sallins Dokumentation versucht dem Menschen hinter den surrealen Bildern näherzukommen. Dazu sprach sie mit Gigers Familie, seinen ehemaligen Geliebten, seinen Freunden, Assistenten, mit einem Psychologen, einem Kurator und natürlich mit Giger selbst.

Anders als der Titel vermuten lässt, zeigt Dark Star keinen misanthropischen Hexenmeister, der sich von der Aussenwelt abschotten wollte, sondern einen auch noch im Alter lebensfrohen Mann, der gute Gesellschaft genauso schätzte wie seine geliebte Malerei. In Archivaufnahmen und Nacherzählungen erfährt man von Gigers bürgerlicher Herkunft und seiner katholischen Erziehung, mit der er in seinen surreal-morbiden Bildern brach. Dennoch scheint sein Schaffen keine Trotzreaktion auf seine Herkunft gewesen zu sein – oder eine Verarbeitung tief liegender Ängste. Vielmehr fühlte er sich von klein auf zum Unheimlichen hingezogen, wie er selber erklärt. Zudem finden sich in seinen Werken auch viele erotische Motive wieder, die einen Gegenpart zu den düstern Settings bilden.

Belinda Sallins Film zeigt HR Gigers Haus als einen Ort, an dem sich der Maler seine eigenen Träume verwirklichte, in dem er in den letzen Jahren aber auch mit seiner zweiten Ehefrau und zahlreichen Assistenten zusammenlebte, die eine ihm untypische Ordnung in das kreative Chaos brachten. Der Psychiater Stanislav Grof sieht Gigers Bilder als künstlerische Verarbeitung der menschlichen Geburt und der damit in Zusammenhang stehenden Ängste. Kurator Andreas J. Hirsch, der Ausstellungen von Giger in Wien und Linz organisierte, betont den Aspekt von Liebes- und Todestrieb, die sich seines Erachtens bei Giger in der Waage halten. Die befragten Personen, zahlreiche Archivaufnahmen, filmische Begehungen seiner Bilder, Skulpturen, Ausstellungen und Buchvernissagen geben Denkanstösse für ein besseres Verständnis von Gigers Werk und seiner Person, ohne dabei das Mysteriöse und Unheimliche in seinen Werk ausinterpretieren zu wollen. Hier, im Romantisch-Unheimlichen seiner Bildwelten, fühlte sich Giger zu Hause.

Belinda Sallin schuf mit Dark Star ein facettenreiches filmisches Dokument, das Giger als Künstler und Mensch jenseits des legendären Films Alien (1979) thematisiert. Giger starb nur vier Tage nach Ende der Dreharbeiten.

Simon Meier
*1986, Studium der Ethnologie, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitete von 2007–2013 als Videotheksassistent am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Er lebt in Zürich. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2017)
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