SIMON MEIER

DRIFTEN (KARIM PATWA)

SELECTION CINEMA

Vor Kurzem wurde Robert Felder aus dem Gefängnis entlassen. Er versucht im Leben wieder Fuss zu fassen, tritt eine Stelle als Autopolierer in einer Werkstatt an und probiert seine damalige Freundin zurückzugewinnen. Doch die Schatten der Vergangenheit holen ihn nur allzu bald ein. Sein neuer Arbeitskollege animiert ihn zu nächtlichen Spritzfahrten. Seine ehemaligen Freunde aus der Streetracing-Szene wollen nichts mehr von ihm wissen, weil er ihnen Probleme mit der Polizei eingebracht hat. Als er in einer Disco die um Jahre ältere Alice kennenlernt, nimmt sein Leben erneut eine unvorhergesehene Wendung, denn Alice ist die Mutter des Mädchens, das er vor einigen Monaten zu Tode gefahren hat.

Driften erzählt in atmosphärisch dichten Bildern die Geschichte einer doppelten Katharsis: die des jungen Täters Robert, der mit diffusen Schuldgefühlen ringt und sich in seinem Leben neu zurechtfinden muss, und jene der betroffenen Mutter Alice, die einen nur schwer hinzunehmenden Verlust zu akzeptieren hat. Versucht Robert zu Beginn noch das Vergangene zu verdrängen, so fühlt er sich doch schon bald auf ambivalente Weise zu Alice hingezogen. Er gibt sich als jemand anderes aus und nimmt bei ihr privaten Englischunterricht. So dringt er immer tiefer in das Leben und die Psyche der Frau ein, die er mit seiner Tat so radikal verändert hat. Alice ihrerseits – von Wut, Trauer, Gleichgültigkeit und neu erstarkender Hoffnung gezeichnet – fühlt sich immer mehr zu ihrem jungen Schüler hingezogen, ohne sein Doppelspiel zu durchschauen.

Kontrastiert wird das intensive Spiel zwischen den beiden Protagonisten durch mehrere Rennsequenzen, in denen der Geschwindigkeitsrausch und dessen Suchtpotenzial visuell prägnant in Szene gesetzt werden. Hier äussert sich eine weitere Zerrissenheit der Hauptfigur: Will ein Teil von Robert mit den Strassenrennen aufhören, verfällt der andere trotz guter Vorsätze erneut dem Verlangen nach unbegrenztem Tempo. Der entscheidende Konflikt aber findet in der Konfrontation von Robert und Alice statt: Die Rollenspiele während der Englisch-Konversationen erlauben es ihm, seine doppeldeutigen Absichten – geprägt von Schuldgefühlen und gleichzeitiger Zuneigung – auf die Spitze zu treiben und Alice nach ihren Gefühlen gegenüber dem Mörder ihrer Tochter zu befragen. Der Hass, der dabei offenbart wird, differiert auf zwiespältige Weise mit der Hinneigung, die Alice für ihren Schüler empfindet, bis diese dessen wahre Identität erfährt. Driften überzeugt mit einer ungewöhnlichen Geschichte und hervorragenden Schauspielern: Sabine Timoteo gewann für ihr intensives und nuanciertes Schauspiel den Schweizer Filmpreis als beste Darstellerin.

Simon Meier
*1986, Studium der Ethnologie, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitete von 2007–2013 als Videotheksassistent am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Er lebt in Zürich. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2017)
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