SIMON MEIER

UNTER DER HAUT (CLAUDIA LORENZ)

SELECTION CINEMA

Frank und Alice sind seit fast zwanzig Jahren verheiratet, mit ihren drei Kindern scheinen sie eine normale Familie zu sein. Mit dem Umzug in eine neue Wohnung auf dem Land beginnt sich jedoch ein Prozess zu entfalten, der die Familie bis in ihre Grundfesten erschüttern wird: Während Alice mit dem Computer im Internet surft, erscheinen plötzlich Pop-up-Fenster von Schwulen-Websites. Verdächtigt Alice erst ihren Sohn, so kommt bald ans Licht, dass Frank seit längerem eine geheime Beziehung zu einem Mann hat. Alice versucht ihren Mann in Gespräche zu verwickeln, doch weicht dieser meist aus. Es gibt für ihn nichts zu besprechen, er ist mit seinem Doppelleben zufrieden. Auch auf Alices Versuche, ihn sexuell für sich einzunehmen, geht er nur halbherzig ein. Schliesslich stellt sie ihn vor die Wahl, sich für die Familie oder seinen Partner zu entscheiden. Die Möglichkeit einer freien Ehe mit einem bisexuellen Mann kommt für sie nicht infrage.

Unter der Haut präsentiert ein detailliertes Psychogramm der inneren Konflikte, die das Outing des Vaters bei Alice und ihren Kindern auslöst. Während Alice zwischen Verständnislosigkeit, Verzweiflung, ehelicher Hingabe und dem Versuch hin- und hergerissen ist, ihren Ehemann wieder für sich zurückzugewinnen, lehnen der jugendliche Sohn und die ältere der beiden Töchter den homosexuellen Vater von Beginn an ab. Für sie ist er ein verlogener Egoist, der bei allem, was er auslöst, nur an sich selber denkt. Anders etwa als in Freier Fall (2013), der die sexuelle Verwirrung eines jungen Familienvaters behandelt, der seine homosexuelle Seite entdeckt, steht in Unter der Haut die Frage nach der sexuellen Identität mitsamt ihren Konflikten nicht im Zentrum. Eine Neuinterpretation der gemeinsam gelebten Vergangenheit findet nur am Rande statt. Vielmehr geht es um die Frage, was das Outing des Vaters für Ehefrau und Kinder bedeutet: Auch sie müssen nach der Enthüllung erst wieder in ein normales Leben zurückfinden, über ihre Verwirrung und Enttäuschung hinwegkommen.

Unter der Haut besticht durch Präzision in der Zeichnung der Figuren und deren psy­chologischen Motivationen. Filmisch erinnert die dramaturgisch dichte Inszenierung an ein Kam­merspiel, zumal ein grosser Teil der Schlüsselszenen im Schlaf- oder Badezimmer des Ehepaares stattfindet. Offen bleibt dabei bis zum Schluss die Frage nach den Beweggründen Franks: Hat dieser damals aus Selbstverleugnung und gesellschaftlichen Zwängen seine Frau geheiratet, wie Alice und die Kinder dies ihm vorwerfen, oder hat er, wie ebenfalls angedeutet wird, eine Veranlagung für beide Geschlechter? Claudia Lorenz lässt diese Frage bewusst offen und konzentriert sich stattdessen auf die sozialen und psychologischen Prozesse, die die Enthüllung nach sich zieht. Schauspielerisch sticht dabei Ursina Lardi hervor, die die aus allen Wolken fallende Ehefrau mit einnehmender Präsenz verkörpert.

Simon Meier
*1986, Studium der Ethnologie, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitete von 2007–2013 als Videotheksassistent am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Er lebt in Zürich. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2017)
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