SIMON MEIER

NICHTS PASSIERT (MICHA LEWINSKY)

SELECTION CINEMA

Thomas (Devid Striesow) ist ein zuvorkommender, umgänglicher Ehemann und Vater, der seine Probleme aber lieber für sich behält. Zusammen mit seiner Frau Martina (Maren Eggert) und ihrer Tochter Jenny (Lotte Becker) möchte er wieder einmal gemütliche Winterferien in den Schweizer Bergen verbringen. So fährt die Familie zusammen mit Sarah (Annina Walt), der Tochter von Thomas’ Chef, in ein Skigebiet in den Schweizer Alpen. Dort angekommen, ist es mit der Idylle aber rasch vorbei. An einer Party der Dorfjugend, zu der Sarah und Jenny eingeladen sind, wird Sarah vergewaltigt. Jenny meint fälschlicherweise, Sarah habe sich an den Typen rangemacht, und verachtet sie zusehends. Der ins Vertrauen gezogene Thomas schweigt sich über die Geschehnisse aus, anstatt entschieden die Konsequenzen zu ziehen. So verwickelt er sich in ein immer dichteres Lügennetz, um die von ihm gewünschte Harmonie nicht zu gefährden, bewirkt damit aber genau das Gegenteil.

Micha Lewinsky gelingt mit Nichts passiert das faszinierende Porträt einer hochgradig ambivalenten Persönlichkeit, die durch ihren Unwillen, der Realität ins Auge zu blicken, in eine Spirale von Abgründen und Zwielichtigkeiten gerät. Gerade die guten Absichten zu konfliktfreien Lösungen, von denen sich Thomas leiten lässt, führen dazu, dass er sich zunehmend zu einer moralisch widersprüchlichen Person entwickelt, die auch vor Gewalt nicht zurückschreckt, um den Schein der Normalität zu wahren. Nichts passiert lebt von einem konstant geführten Doppelspiel, einer vom Protagonisten konstruierten Scheinwelt, in der alles in bester Ordnung ist, was zu zahlreichen Szenen mit äusserst schwarzem Humor führt: Denn Nichts passiert bleibt trotz seiner Komödienstruktur vielmehr Drama als Humoreske, indem Thomas’ konstant absurd-groteske Ausreden, Lügen und Schönmalereien für die wirklichen Begebenheiten erfindet. Sarahs Niedergeschlagenheit bagatellisiert er als Bauchschmerzen und Heimweh. Als sie dann doch vor der Polizei aussagen will, manipuliert Thomas sie mit Schuldgefühlen, dass bei einer Aussage sein Leben in die Brüche gehen würde. Als er bei einer arrangierten Aussöhnung zwischen Opfer und Täter Sarah zu Sachlichkeit und Verständnis gegenüber dem Vergewaltiger anhält, ist ein Mass an Ambivalenz und schwarzem Humor erreicht, über das man sich auch empören könnte.

Schauspielerisch brilliert Devid Striesow als Thomas Engel, der einen in seiner moralischen Verwandlung vom fürsorglichen Familienvater zum hintertriebenen Antihelden unweigerlich an Walter White aus Breaking Bad erinnert. Nebenhandlungen wie Thomas’ Alkoholabstinenz seit Lewinkis verschwiegenen Autounfall vervollständigen die präzise Figurenzeichnung. Nichts passiert feierte im internationalen Spielfilmwettbewerb des Zurich Film Festivals seine Weltpremiere.

Simon Meier
*1986, Studium der Ethnologie, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitete von 2007–2013 als Videotheksassistent am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Er lebt in Zürich. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2017)
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