DOMINIC SCHMID

RIO CORGO (SERGIO DA COSTA, MAYA KOSA)

Wie Clint Eastwood spaziert er mit bedächtigem doch zielstrebigen Schritt ins Dorf hinein. Seine Aufmachung – der opulente, reich verzierte Hut, der massgeschneiderte Anzug und der stolze Schnurrbart – verleiht ihm die Erscheinung eines Wiedergängers aus dem 19. Jahrhundert. In diesem kleinen portugiesischen Dorf kennt man Silva, so sein Name, einfach als «El Español» – ein Fremder, ein Wanderer, ein gitano. Es ist seine Präsenz, die dem verschlafenen Dorf im Laufe des Films die magisch-surrealistische Atmosphäre verleihen wird, die auch Rio Corgo auszeichnet.
 
Ursprünglich wollten die Filmemacher eigentlich einen Film über ein anderes kleines portugiesisches Dorf drehen, brachen dieses Projekt aber in dem Moment ab, als ihnen in der dortigen Bar Silva begegnete, und hefteten sich fortan an dessen schick bestiefelten Fersen. Zu den fein beobachteten Alltagsbildern aus dem Dorf, in dem Silva gleichzeitig zu wohnen scheint als auch wie auf Besuch wirkt, mischen sich bald kleine Einzüge des Surrealen. Frauen aus Silvas Vergangenheit etwa tauchen zum gemeinsamen Tanz auf. Deren genaue Rolle in Silvas Biographie wird nicht weiter erklärt, so wie auf diese insgesamt nur mittels Wortfetzen und rätselhafter Bilder Bezug genommen wird. Manchmal erzählt Silva der jungen Ana Geschichten, einem Dorfmädchen, das eine Art Freundschaft mit ihm beginnt, ihm Essen vorbeibringt oder sich einfach mit ihm zusammen die Zeit totschlägt, die im Dorf reichlich vorhanden ist. Einmal zaubert er ihr zum Dank ein Ei aus seinem Hut. Beim Überreichen fällt es auf den Boden und zerspringt; schnell ist eine wachsame Katze zur Stelle und leckt es auf.
 
Zu einer wundervollen melancholischen Poesie gesellt sich im Verlauf des Films ein leiser Mystizismus. Beides scheint wie von selbst zu entstehen, als ob es Teil des Charakters des Dorfes und Silvas wäre. Handelt es sich vielleicht nur um einen filmischen Trick? Das verlangsamte Tempo gibt jedem Bild Zeit, seine ganze Wirkung zu entwickeln; der Schnitt vermag fast jeder Szene Bedeutungen und Assoziationen zu entlocken, die die Realität so nicht hergegeben hätte. Rio Corgo steht in einer Reihe von neueren Dokumentarfilmen grösstenteils aus dem portugiesischen Raum – man denke an Miguel Gomes, Pedro Costa oder auch an Pedro González-Rubio – deren sanfte Manipulationen der Realität einzig durch formale Mittel diese zum Glänzen bringen vermögen. Es handelt sich bereits um die zweite Gemeinschaftsproduktion der jungen Filmemacher, und es ist zu hoffen, dass aus der fruchtbaren Kollaboration noch etliche weitere Werke entstehen, denn mit diesem haben sie den mit Abstand schönsten Dokumentarfilm der letzten Jahre geschaffen.
Dominic Schmid
*1983 in Solothurn, Studium der Japanologie, Filmwissenschaft, Politikwissenschaft und Phi­losophie in Zürich und Lausanne. Daneben Tätigkeit als Kinooperateur und Video­thekar. 2003–2009 Vorstandsmitglied und Prä­sidium der Filmgilde Biel. Zurzeit Master Filmwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Seit 2013 Redaktionsmitglied von CINEMA.
(Stand: 2017)
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