DOMINIC SCHMID

ALOYS (TOBIAS NÖLLE)

Anders als seine zahlreichen Vorgänger in der Figur des postmodernen Grossstadt-Privatdetektiven hat Aloys Adorn (Georg Friedrich) gar nie so etwas wie eine eigene Identität entwickelt, die ihm abhandenkommen könnte. Stets hat er im Schatten seines Vater gestanden, nach dessen Tod die Handlung von Tobias Nölles erstem Langspielfilm einsetzt, und kann sich nicht einmal dazu durchringen, sich in der ersten Person Singular wahrzunehmen. Auch nach dem Tod des Vaters bleibt er im unpersönlichen «wir» gefangen. Seine Abschiedsfloskel am Telefon: «Man dankt.»Der direkteste Bezug zur Realität – im Film stets grau und verregnet inszeniert – bildet seine Tausende von Stunden umfassendes Videomaterial, das er sich immer und immer wieder alleine zuhause anschaut.
 
Plötzlich, nach durchtrunkener Nacht und der mysteriösen Entwendung solchen Videomaterials, steht plötzlich das Angebot im Raum, der tristen und einsamen Realität durch «Telefonwandern» zu entfliehen. Eine hypnotische Stimme, die seiner vielleicht noch verrückteren Nachbarin Vera (Tilde von Overbeck) gehört, leitet den erst widerwilligen Aloys dazu an, ihr in eine konstruierte Phantasiewelt zu folgen. Immer je mehr entgleitet Aloys das Gespür für Zeit und Raum. Fasziniert folgt er der betörenden Stimme in jene Art Zwischenwelt, in der die aufgebauten Mauern ums Ich langsam abgebaut werden, plötzlich gar Partys mit den Nachbarn und dem Chinesen vom Imbiss möglich sind. Die Inszenierung, stets eng an Aloys' Wahrnehmung gekoppelt, macht ihrerseits keinen Unterschied zwischen Realität und Traum und versucht, den Zuschauer mit in seinen Strudel hinabzuziehen – etwas, das ihr streckenweise auch ziemlich gut gelingt.
 
Nölle zeichnet mit seinem Erstling insbesondere ein atmosphärisch dichtes psychologisches Porträt eines bzw. zweier Aussenseiter, die es nie geschafft haben, sich in so etwas wie ein soziales Leben einzuklinken, und er findet schöne und eindringliche Bilder für diese entfremdete Wahrnehmung. Aloys ist formal eigenwillig, wobei zeitweise die symbolische Ebene in ihrer Überdeutlichkeit mit der formalen Originalität nicht ganz mithalten kann. Auch wirkt der wie immer grossartige Georg Friedrich mit seinem breiten Wiener Akzent in Zürich vielleicht noch etwas deplatzierter als es der Plot ohnehin schon hergibt. Trotzdem ist Aloys ein sehr gelungenes Regiedebüt, das mit dem realitätsentfremdeten Privatdetektiv den Schweizer Film um eine Figur bereichert, die davor eher dem amerikanischen Kino und vor allem der Literatur vorbehalten war. Man dankt.
Dominic Schmid
*1983 in Solothurn, Studium der Japanologie, Filmwissenschaft, Politikwissenschaft und Phi­losophie in Zürich und Lausanne. Daneben Tätigkeit als Kinooperateur und Video­thekar. 2003–2009 Vorstandsmitglied und Prä­sidium der Filmgilde Biel. Zurzeit Master Filmwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Seit 2013 Redaktionsmitglied von CINEMA.
(Stand: 2017)
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