THOMAS HUNZIKER

KACEY MOTTET KLEIN, NAISSANCE D’UN ACTEUR (URSULA MEIER)

Zuerst läuft der Junge im Kreis und flucht leise. Er hört sich die Anweisungen einer weiblichen Stimme an. Dann darf er einen letzten Blick in die Kamera werfen. Diese Gelegenheit muss der Junge nutzen. Danach ist Schluss mit dem direkten Augenkontakt zum verlockenden Gerät. Gerade einmal 8 Jahre alt ist Kacey Mottet Klein, als er von Regisseurin Ursula Meier diese Einführung in die Welt des Kinos erhält. Die Erfahrungen, die sie gemeinsam während zweier Produktionen gesammelt haben, teilen sie in Kacey Mottet Klein, naissance d’un acteur. Eine «kleine Lektion des Kinos», wie Meier das Werk in einem Untertitel bezeichnet.
 
Kinder als Schauspieler üben eine seltsame Faszination aus. Es stellt sich schnell die Frage, ob sie überhaupt die Bezeichnung «Schauspieler» verdienen. Vielmehr besteht der Verdacht, dass sie vor der Kamera einfach nur sich selbst darstellen. Oft mag das stimmen. Selbst im Fall von Kacey Mottet Klein. Doch Filmemacherin Ursula Meier zeigt in ihrem kurzen Dokumentarfilm auch, dass sie tatsächlich ein sich selbst aufopferndes Talent entdeckt hat. Der in Lausanne geborene Junge verkörperte in ihren beiden Filmen Home (CH 2008) und L'enfant d'en haut (CH 2012) die Hauptfigur. Im Wechsel zwischen Aufnahmen von Proben, rückblickenden Überlegungen von Mottet Klein sowie Ausschnitten aus den beiden Spielfilmen zeigt Meier die Entwicklung des Darstellers, der das Spiel vor der Kamera zunächst noch als solches wahrnimmt und sich nicht wirklich um die Figur kümmert. Er erklärt, dass er tatsächlich einfach sich selbst gespielt hat. Er, ein wenig anders. Wenn er ängstlich wirken sollte, bat er darum, dass man ihm Angst mache. Unterdessen schlüpft er in seine Rollen, nimmt sie als Personen wahr, die man verteidigt, die man liebt. Wenn er eine Emotion hervorrufen muss, erinnert er sich an eine passende Situation oder stellt sie sich vor. Er selber existiert nicht mehr. Der echte Kacey ist verschwunden.
 
Meier und Mottet Klein entwerfen das eindringliche Bild eines mit seinen Rollen verschmelzenden Schauspielers. Das Porträt über die Eigenschaften des Schauspielers besticht durch die Kombination von Probeaufnahmen und Filmausschnitten mit den Reflexionen von Mottet Klein. In einem sich steigernden Rhythmus erzeugen sie eine mitreissende Sogwirkung, bis sich Mottet Klein fast schon in seinen Gedanken verliert und damit die Vielschichtigkeit seiner Arbeit andeutet. Die Annäherung an die Kunst des Schauspielers lässt zudem die Leistung erkennen, die für die Erschaffung einer glaubwürdigen Figur notwendig ist. Durch die Aufgabe der eigenen Person lässt sich fast schon eine psychische Störung vermuten. Zum Schluss bringt Mottet Klein das Ende der Dreharbeiten und den damit verbundenen Abschied von der Filmrolle zur Sprache. Es fühle sich an, als ob sie getötet wird. Ein Sprung aus 2000 Metern und man ist zurück in der Realität – erleichtert, nicht verrückt geworden zu sein.
Thomas Hunziker
*1975, Studium der Filmwissenschaft, Anglistik und Geschichte an der Universität Zürich. Er betreibt das Filmtagebuch filmsprung.ch, arbeitet als freier Mitarbeiter für cineman.ch und befindet sich in der Ausbildung zum MTRA. Sein Heimkino befindet sich in Schaffhausen.
(Stand: 2017)
[© cinemabuch – seit über 60 Jahren mit Beiträgen zum Schweizer Film  ]