LAURA WALDE

ANSTATT INS KINO: DAS 69. FESTIVAL DEL FILM LOCARNO

NEWS


Bei 297 Filmen, die am diesjährigen Filmfestival in Locarno im oder ausserhalb des Wettbewerbs gezeigt wurden, schaffen es selbstredend auch die ausdauerndsten Filmjournalist/-innen nicht, am Ende dieser elf Tage alles gesehen zu haben. Und ich als Filmwissenschaftlerin schon gar nicht. Gerade mal vier Tage lang durfte ich mir Zeit nehmen für die Filme – zwischen Terminen im Festivalzentrum und den Kinosälen hin und her hechtend, vorbei an der unseligen «laRotonda» und alle drei Meter ein kurzes «hello, salut, ciao» oder «du auch wieder hier!» in die Runde werfend. Dabei wäre es doch so essentiell, sich genau hier und jetzt Zeit zu nehmen für die Filme!
Denn wo sonst bekommen wir sie noch zu sehen – all die weniger bekannten Filme und die Werke der jungen Filmschaffenden? Bestimmt nicht im regulären Kinoprogramm! Lars Henrik Gass umschrieb das Ende des Kinos mit folgenden Worten im Vorwort zu Film und Kunst nach dem Kino: «Dieses Buch handelt davon, wie dem Film das Kino abhandenkommt. Es handelt vom Niedergang des Kinos als dem Ort, an dem Film ausgewertet wurde, industriell wie künstlerisch, und der Film zu einer eigenständigen gesellschaftlichen Wahrnehmungsform gemacht hat». Was Gass am Kinosterben beklagt, ist nicht der Zerfall des traditionellen Filmauswertungsorts «Kino», sondern den Verlust des Konzepts «Kino» als eine gesellschaftliche Wahrnehmungsform. Die Digitalisierung führte zu einer starken Beschränkung dessen, was die meisten Kinobetriebe überhaupt noch in der Lage sind, zu zeigen. Die Filmgeschichte läuft daher Gefahr, ihre eigene Sichtbarkeit zu verlieren. Zudem war das Kinogeschäft gemäss Thomas Elsaesser immer schon «von seinen innersten Voraussetzungen her konservativ und risikoscheu» , was zur Auswirkung hat, dass in immer mehr Kinosälen die immer gleicheren Filme laufen.
Bei der Aufarbeitung des Filmerbes und der Entdeckung neuer, innovativer Filmformen kommt das Festival heute zum Tragen. Dass die Filmfestivals dabei keine unbedeutende Rolle spielen – sowohl als alternative Distributionsplattform, als temporäres Filmmuseum und als Bühne für neue Trends und Entdeckungen – zeigt sich sowohl an der journalistischen Berichterstattung wie auch an den Studien, die in den letzten Jahren zu diesem Phänomen durchgeführt worden sind (z.B. De Valck: Film Festivals: From European Geopolitics to Global Cinephilia ). Das Festival del film Locarno, das 2016 zum 69. Mal ausgetragen wurde, bietet sich hier als Beispiel für eine Kürzest-Analyse an.

«Ein Festival der Avantgarde»

Einige Gedanken zum Festival in Locarno, das im nächsten Jahr seinen 70. Geburtstag feiern wird, können auch nach einem viertägigen Besuch an der 69. Ausgabe angebracht werden. Thomas Elsaesser hat schon vor zehn Jahren geschrieben, dass sich Filmfestival – beinahe noch mehr als über ihre Filme – über ihre Printprodukte definieren: Vom Katalog über den Flyer zum Festival-Magazin. Stellt man die beiden Vorworte von Festivalpräsident Marco Solari und dem künstlerischen Leiter Carlo Chatrian gegenüber, lässt sich erahnen, dass sie sich der Semantik der Selbstbeschreibung durchaus bewusst sind. Während Solari in seinem Text die inhaltlichen wie strukturellen Stossrichtungen der nächsten fünf Jahre vorbereitet, umschreibt Chatrian in eher unscharfen Worten den Selbstauftrag und das übergreifende kuratorische Konzept, an dem er sich orientieren will. Im Vorwort charakterisiert Chatrian das Festival wie folgt: «Mit viel Platz für weniger bekannte Filme und junge Filmschaffende zeichnet das Programm dieses Jahres die Rückkehr des ursprünglichen Festivalgeistes, der Locarno zu einem Festival der Avantgarde machte – politisch und poetisch zugleich, visionär und gegen den Strom schwimmend». Die Beschreibungen der Wettbewerbskategorien lesen sich ähnlich. Es ist die Rede von der «Überschreitung von Grenzen und Konventionen» (Concorso internazionale), von «persönlichen und aussergewöhnlichen Weltsichten» (Concorso cineasti del presente) und «erzählerischer Kraft» (Piazza Grande). Die klare Unterscheidung zwischen Film und Kunst ist überholt. Welcher Film es dann in welchen Wettbewerb schafft, scheint allerdings mehr institutionelle und politische denn eindeutig programmatische Gründe zu haben. Bei der 69. Ausgabe war dies besonders auffällig. Unter anderem haben es auch etwas sperrigere Werke auf die «Piazza Grande» geschafft, andererseits liefen ein paar eher konventionelle Filme im Internationalen Wettbewerb. Auch die Beschreibungen der Programmsektionen ausserhalb des Wettbewerbs liessen sowohl auf semantischer Ebene wie auch bei der Auswahl der Filme streckenweise ein wenig scharfes Profil erkennen. Mitunter ähneln diese Filmprogramme einem Gemischtwarenladen, bestehend aus Werken, die es wohl knapp nicht in die Wettbewerbsauswahl geschafft haben und nun hier – auf dem nicht minder sehenswerten, aber etwas undankbaren – «Abstellgleis» gelandet sind. Dafür überraschte die Retrospektive, dieses Jahr kuratiert von Olaf Möller und Roberto Turigliatto, zum jungen Kino der BRD in der Nachkriegszeit, mit einigen erfreulich eigensinnigen und experimentellen Werken, was ungewöhnlich ist für die sonst eher auf die grossen Klassiker ausgerichtete Sektion.

Bald an einem Festival in Ihrer Nähe

Semantik der Selbstbeschreibung hin oder her – Fakt ist, dass man auch 2016 in Locarno wieder Filme sehen konnte, die sich im positiven wie im negativen Sinne als wortwörtliche Augenöffner herausgestellt haben. Da war zum Beispiel The Challenge des bekannten italienischen Künstler Yuri Ancarani, der einen Spezialpreis entgegen nehmen durfte. Ancarani, der mit seinen Werken seit Jahren auf allen grösseren internationalen Festivals, in Galerien und in Museen unterwegs ist, durfte überhaupt nur in der Nachwuchssektion «Pardo d’oro Cineasti del presente» teilnehmen, weil er bis zu diesem Zeitpunkt noch nie einen Langfilm gedreht hatte – der Wortwahl der Wettbewerbssektion sei Dank. Wie typisch für diesen Filmkünstler verwischt Ancaranis bildstarker, überaus exakt komponierter Film über die heutige Beziehung der Reichen und Reichsten Katars mit der Wüste gekonnt die Grenze zwischen konventionellem Erzählfilm und Kunstfilm. Dasselbe gilt für Douglas Gordons (wieder ein Superstar der internationalen Kunstszene) «Nachwuchsfilm», I Had Nowhere to Go, in der gleichen Wettbewerbssektion. Der Film, der fast gänzlich ohne Bilder auskommt, basiert auf den Tagebüchern des Avantgarde-Regisseurs Jonas Mekas, der die nicht-chronologischen Textpassagen selber vorträgt. Es gab positive Stimmen zu diesem Film aus der «harten cinephilen Ecke» , der allgemeine Konsens (basierend auf einer nicht repräsentativen Umfrage der Autorin) war jedoch, dass der Film eben nicht cinephil, sondern eher installativ funktioniere und daher nicht wirklich an ein Filmfestival gehöre. Aber Anklang hin oder her – es geht bei einem Festival doch darum, das filmische Medium in all seinen Facetten zu erkunden (lesen Sie den Katalog!). Dazu gehören auch Filme, die fast ohne Bilder auskommen.
Die wenigsten dieser Titel oder gar der Gewinnerfilme werden es ins reguläre Kinoprogramm schaffen, weil sie sich nicht an den Konventionen des Marktes orientieren. Um nochmals zum Ende des Kinos – und zum Anfang dieses Essays – zurückzukommen: «Was wir brauchen, das sind Orte, wo wir die Filme, die im Fernsehen, im Internet, in den Kinos nicht mehr zu sehen sind, sehen können. Kulturelle Bildung muss eine Idee davon entwickeln, wo und wie wir das ungeheure künstlerische Erbe des Films öffentlich zugänglich halten» . Dieser Idee begegnete man in Locarno auch 2016 täglich. Falls Sie es verpasst haben sollten, stellen Sie sicher, dass Sie nächstes Mal dabei sind – auch wenn Sie, wie ich, nicht alle Filme zu sehen bekommen werden!

Lars Henrik Gass, Film und Kunst nach dem Kino, Hamburg 2012, S. 7.

Thomas Elsaesser, Filmgeschichte und frühes Kino. Archäologie eines Medienwandels, München 2002, S. 99.

Amsterdam 2007.

Pascal Blum, «Was Sie sich in Locarno ansehen sollten», in: Tages-Anzeiger 03.08.2016.

Gass, Lars Henrik «Wer das Kino erhalten will, muss es zerstören», in: AG Kurzfilm (Hg.) Short Report, Dresden 2008, S. 18-25.

Laura Walde
*1988, hat Filmwissenschaft und Anglistik an der Universität Zürich studiert. Schon während ihres Masterstudiums hat sie als Programmer für die Internationalen Kurzfilmtage Winterthur gearbeitet. Ihre Masterarbeit verfasste sie zum Thema «Curating and/or Programming: An Attempt at Conceptualization in the Context of the Short Film Festival». Heute ist sie in der Co-Leitung der Schweizer Jugendfilmtage und weiterhin im Programmteam der Kurzfilmtage tätig
(Stand: 2016)
[© cinemabuch – seit über 60 Jahren mit Beiträgen zum Schweizer Film  ]