STEFAN STAUB

RAVING IRAN (SUSANNE REGINA MEURES)

Im Film Taxi Teheran kutschiert Jafar Panahi eine Reihe von Fahrgästen durch die iranische Hauptstadt. Mit einer Kamera, die am Armaturenbrett befestigt ist, hält er die vielfältigen Begegnungen mit seinen Fahrgästen fest. Sein Taxi wird so zu einem halbprivaten Freiraum und das Filmen zu einem Akt des subversiven Widerstandes gegen die Beschränkungen des Regimes. Raving Iran beginnt mit einer ganzen ähnlichen Szene: Während einer nächtlichen Fahrt durch die Strassen Teherans geraten die beiden Protagonisten Arash und Anoosh in eine Polizeikontrolle. Mit einer versteckten Kamera zeichnen sie die Situation heimlich auf. Der Beamte findet nichts Verdächtiges und sie freuen sich geradezu diebisch über ihren Streich, während am Fenster ihres Wagens wie Mahnmale für die Macht der staatlichen Kontrolle die überdimensionierten Köpfe der politisch-geistlichen Ikonen des iranischen Staates vorbeiziehen.
 
In einem Land, in dem elektronische Musik nur im Untergrund und Rave-Parties auch mitten in der Wüste nur unter strengsten Vorsichtsmassnahmen stattfinden können, ist der Weg in die Illegalität für die beiden Techno-DJs Arash und Anoosh fast unausweichlich. Denn trotz einer gewissen aussenpolitischen Öffnung unter Präsident Rohani ist die staatliche Zensur noch immer allgegenwärtig. Erst dank einer Einladung an die Street Parade in Zürich tut sich ihnen ein möglicher Ausweg auf. Doch führt sie dies gleich wieder in ein neues Dilemma: Für eine unsichere Zukunft in Europa, müssten sie auch Familie und Freunde hinter sich lassen.
 
Der dicht erzählte Dokumentarfilm von Susanne Regina Meures orientiert sich dramaturgisch am Spielfilm. Auf Interviews verzichtet die Regisseurin; der Kontext wird mit Zwischentiteln geliefert. Immer wieder greift sie auf inszenierte Situationen mit versteckter Kamera zurück, um die hinter dem Schleier der Zensur verborgene Welt sichtbar zu machen. Die oft rohe Handyvideo-Ästhetik ist dabei aber nie Selbstzweck, sondern steht immer im Dienste der Handlung. Und auch die Musik setzt die Regisseurin ganz gezielt ein, um kleine Fluchten aus dem System zu markieren, während sie in den Alltagszenen auf Musik verzichtet. Immer wieder schauen wir den beiden DJs in stillen Momenten beim Bangen und Hoffen zu, was den Kontrast zu den halbnackten tanzenden Körpern an der Street Parade am Ende noch einmal verstärkt.
 
Meures ist mit ihrem Abschlussfilm an der ZHDK ein beachtlich reifes Regiedebüt gelungen, das bei seiner Premiere in Nyon zurecht ausgezeichnet wurde. Mit ihrer Anlehnung an traditionelle Themen des kritischen iranischen Kinos in Kombination mit einer westlichen Perspektive auf eine weitgehend unbekannte Partyszene gelingt es der Regisseurin vortrefflich, eine Brücke zwischen zwei entgegengesetzt erscheinende Kulturen zu schlagen.
Stefan Staub
*1980 in Bern, studierte Publizistik, Filmwissenschaft und Sozialpsychologie an der Universität Zürich. Fortbildung an der Drehbuchwerkstatt München (2010/11), derzeit als Programmkoordinator bei den Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur und als freischaffender Drehbuchautor tätig. Seit 2016 Mitglied der CINEMA-Redaktion.
(Stand: 2017)
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