SELINA HANGARTNER

DIRTY GOLD WAR (DANIEL SCHWEIZER, 2015)

Mit den Bildern indigener Dorfbewohner, die bewaffnet mit Pfeil, Bogen und Gesichtsbemalung durch den brasilianischen Regenwald streifen, eröffnet Daniel Schweizer seinen Dokumentarfilm Dirty Gold War. Die Umwelt der eben gesehenen Ureinwohner ist gefährdet, erklärt das Voice-Over, denn ihr Boden birgt einen allzu wertvollen Schatz: Gold. Die nächsten Aufnahmen werden von Anzügen und sorgfältig gekämmten Frisuren dominiert und zeigen die hiesige «Baselworld». An der Schweizer Messe wird das Edelmetall aus dem Amazonas in Form von Schmuck und Uhren gehandelt. Die Trader finden begeisterte Abnehmer aus der ganzen Welt. «Baselworld: Stop Dirty Gold War» steht auf dem riesigen Banner geschrieben, der an der Hausfassade gegenüber der Messe ausgerollt wird: Denn dort, wo mit schmutzigem Gold gehandelt wird, sind protestierende Aktivisten nicht weit.
 
In diesen ersten vier Minuten skizziert Dirty Gold War den Handelspfad der Goldindustrie vom entfernten Kontinent bis in die Schweiz – mit 2500 Tonnen pro Jahr ist sie die grösste Goldimporteurin der Welt. Diesen Wegen entlang wird die Geschichte von niedergewalzten und überfluteten Wäldern, verletzten Menschenrechten und dem schier aussichtslosen Kampf der NGOs gegen den korrupten Handel mit dem Edelmetall erzählt. Und weil der Endverbraucher nur selten hinterfragt, woher das gekaufte Gold stammt, kann der illegal und umweltschädlich abgebaute Rohstoff etwa aus Südamerika oder den Kriegsgebieten Kongos ohne grössere Probleme auf den inländischen Markt gelangen. Unbequeme Parallelen zur Schweizer Handhabung von Raubgold im Zweiten Weltkrieg werden in Dirty Gold War nicht nur implizit geweckt. Der Film handelt somit nicht zuletzt auch vom Zusammenprall verschiedener Wertesystemen: Der uralte Konflikt zwischen der Welt, die vom Geld regiert wird, und einer anderen, die nach Einklang mit der Umwelt sucht, wird hier ins Werk gesetzt. Die Unvereinbarkeit dieser Ansichten pointiert Schweizer in seinem Film immer wieder: Einem Interview, in dem der Kazike der Yanomamis die Idee des Geld- und Goldhandels zur Absurdität erklärt, lässt er Aufnahmen einer belebten Londoner Einkaufsstrassen folgen. Der Niedergang der einen ist – hier spricht der Film eine deutliche Sprache – der Fetisch der anderen.
 
Dirty Gold War funktioniert als ein Fingerzeig und als Erinnerung daran, woher das «schmutzige Gold» stammt, das trügerisch glänzend Armgelenke und Décolletés schmückt. Regisseur Daniel Schweizer hat sich diesem Thema bereits mehrmals gewidmet, etwa in Dirty Paradise und Trading Paradise, seinem jüngsten Werk. Mit beeindruckenden Aufnahmen aus dem Amazonasgebiet, aufwühlenden Archivaufnahmen, wilden Trommelklängen und einer Menge an Zahlen und Fakten gelingt es ihm auch hier aufzuzeigen, wie räuberisch und unangemessen der Eingriff in Natur und Lebenswelt ist. Dirty Gold War ist genauso sehenswert, wie er sein Publikum nachdenklich stimmt.
Selina Hangartner
Assistentin und Doktorandin
*1990, studierte Film- und Publizistikwissenschaft. Als Assistentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin lehrt und arbeitet sie am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Derzeit schreibt sie ihre Dissertation zum Thema Ironie im frühen Tonfilm.
(Stand: 2017)
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