CHRISTINA VON LEDEBUR

DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN (RAMON ZÜRCHER)

SELECTION CINEMA

Eine Berliner Familie bereitet ein gemeinsames Abendessen vor. Der Vater und die kleine Clara gehen einkaufen, der Onkel repariert die Waschmaschine, der Sohn holt die Oma ab. Derweil schneidet die Mutter in der Küche Zwiebeln und rätselt mit ihrer erwachsenen Tochter Karin darüber, warum eine Orangenschale immer mit der weissen Seite nach oben auf dem Boden landet. Dazwischen werden Blicke ausgetauscht, es wird geschwiegen und geschrien, die Katze hüpft auf den Tisch, der Hund streift durch die Wohnung.

Das merkwürdige Kätzchen, das dem Film des Schweizer Regisseurs Ramon Zürcher den Namen gibt, spielt darin nur eine Nebenrolle. Genau genommen spielt auch keine der anderen Figuren in diesem Kammerspiel eine eigentliche Hauptrolle. Doch das ist nur eine der Merkwürdigkeiten dieses Films. Eine weitere ist das Fehlen eines Plots. Es gibt zwar in Zürchers Abschlussarbeit an der Deutschen Film- und Fernsehakademie eine Story im Sinne einer Abfolge von Ereignissen, doch keine wirkliche Kausalität, wie man es sich aus dem klassischen Spielfilm gewohnt ist. Zürcher reiht verschiedene Szenen alltäglicher Verrichtungen relativ unspektakulär chronologisch aneinander, ohne dass das eine zwingend zum anderen führt.

Passend dazu verhält sich die Kamera von Alexander Hasskerl wie ein neutraler Beobachter. Meist ist sie statisch, bisweilen bleibt sie sogar an Ort und Stelle, wenn die Figuren aus dem Bild verschwinden. Damit gewinnt der Ton an Bedeutung, insbesondere dann, wenn seine Quelle nicht im Bild zu erkennen ist. Der Ton ist mitunter auch direktes Thema im Film. Beispielsweise schreit die Kleinste der Familie immer wieder ohne sichtbaren Grund lauthals, oder die Mutter stellt eine Glasflasche in kochendes Wasser und alle horchen dem sonderbaren Geräusch, das so entsteht.

Die statische Kamera, die Aneinanderreihung alltäglicher Verrichtungen und der Fokus auf den Ton führen zu einem scheinbar belanglosen Dahinplätschern der Handlungen. Ausbruch aus diesem unspektakulär wirkenden Hintergrund bieten verschiedene Rückblenden von Situationen, welche die Prota­gonisten erzählen. Des Weiteren treten die Konflikte in der Familie so umso klarer zutage. In den Tätigkeiten im Haushalt spiegeln sich Spannungen zwischen den Familienmitgliedern, etwa zwischen der stillen, der in ihrer Stille aber latent aggressiven Mutter und ihrer lauten jüngsten Tochter. Analog zu der fehlenden Hauptfigur steht auch keiner der Konflikte im Zentrum, indem er etwa eskalieren würde. Dies wirkt wiederum der kausalen Logik entgegen und führt stattdessen zu einer Gleichberechtigung der Figuren und der Geschehnisse. Was Ramon Zürcher mit dem Umschiffen des klassischen Plots in Das merkwürdige Kätzchen schafft, lässt sich wohl am treffendsten als narratives Gemälde umschreiben.

Christina Von Ledebur
*1975, Studium der Romanistik, Anglistik und Filmwissenschaft in Zürich. Film- und Serienredaktorin beim Schweizer Fernsehen.
(Stand: 2017)
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