CHRISTINA VON LEDEBUR

LEFT FOOT RIGHT FOOT (GERMINAL ROAUX)

SELECTION CINEMA

Left Foot Right Foot beginnt skizzenhaft: Schwarz-weisse Bilder eines Vogelschwarmes, die stummen Super-8-Aufnahmen zweier Kleinkinder, ein paar Gitarrenklänge. Das ältere Kind blickt die Zuschauer direkt an und tritt so nahe an die Kamera heran, dass wir sein Geschwister nicht mehr sehen und das Bild dunkel wird. Schnitt zurück zu den Vögeln. Noch immer ist der Film vor allem Momentaufnahme: Ein behinderter junger Mann erfreut sich an den Vögeln, den Geräuschen, an der Sonne, die durch die Bäume schimmert, oder an etwas, das nur er zu sehen vermag. Er lacht.

Sein Lachen verstummt und weicht dem monotonen Geräusch eines Kopierers, vor dem gelangweilt Marie sitzt. Die trostlose Arbeit passt zum Leben der 19-Jährigen. Ihre Mutter lebt am sozialen Abgrund, Maries Jobaussichten sind mies und ihr Freund Vincent, mit dem sie am Lausanner Stadtrand lebt, geht lieber skaten, als sich mit ihr auseinanderzusetzen. Da taucht Vincents Bruder Mika auf. Nach einem Aussetzer im Heim, in dem der autistische junge Mann normalerweise wohnt, kommt er für eine Weile bei Vincent und Marie unter. Obwohl sich Marie gut mit Mika versteht, löst er in ihr Eifersucht aus, denn nur er bringt in Vincent dessen verantwortungsvolle Seite hervor. Statt Vincent von ihrer Sehnsucht nach dieser Seite zu erzählen, lässt sich Marie vom zwielichtigen Olivier das schnelle Geld versprechen und schlittert in die Prostitution. Vincent merkt davon nichts, bis es schon fast zu spät ist.

Left Foot Right Foot ist das Langfilmdebüt von Germinal Roaux. Der auffallend fotografische Blick des Lausanners, seine Vorliebe für das schwarz-weisse Bild und sein Fokus auf die Phase der Adoleszenz finden sich bereits in seinem Kurzfilm Icebergs (CH 2007). Roaux’ Bilder stehen aber trotz einem Hang zur Ästhetisierung immer im Dienst der Geschichte. In Left Foot Right Foot dreht sich diese um Geldnot, kaputte Familien und das schwierige Zusammenleben mit einem behinderten Menschen. In der Zuspitzung dieser Probleme findet der Film ein sehr aufwühlendes Ende. Glaubhaft inszeniert Roaux die Lebenssituation seiner Protagonisten, die verzweifelt nach dem Einstieg ins Erwachsenenleben suchen und dabei kaum vom Fleck kommen. Sie treten von einem Fuss auf den anderen, um ein Bild, das der Filmtitel suggeriert, aufzunehmen.

Roaux kann sich für sein Debüt auf ein hervorragendes Schauspielertrio verlassen. Das Paar im Zentrum der Geschichte wird vom Argentinier Nahuel Pérez Biscayart und der Französin Agathe Schlencker gespielt. Eine wahrhaftige Entdeckung dürfte der Solothurner Dimitri Stapfer sein, der mit seiner Verkörperung des Mika auch die Jury des Schweizer Filmpreises für sich gewinnen konnte und 2014 den Preis als Bester Nebendarsteller entgegennehmen durfte.

Christina Von Ledebur
*1975, Studium der Romanistik, Anglistik und Filmwissenschaft in Zürich. Film- und Serienredaktorin beim Schweizer Fernsehen.
(Stand: 2017)
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