SIMON MEIER

SLEEPLESS IN NEW YORK (CHRISTIAN FREI)

SELECTION CINEMA

Die New Yorker Alley Scott, Michael Hariton und Rosey La Rouge sind sich wahrscheinlich noch nie begegnet. Und doch haben sie eines gemeinsam: Sie alle gehen durch die kathartische Hölle einer zerbrochenen Beziehung. Christian Frei geht in seinem neusten Dokumentarfilm der Frage nach, wie sich Menschen nach einer Trennung verhalten und wieso. Dabei bildet die Nacht, die Zeit der vermeintlichen Erholung und Ruhe, den Rahmen der Dokumentation. Es ist die Zeit, wenn die Protagonisten am wenigsten davon abgelenkt sind, über ihr vergangenes Leben mit ihrem Partner nachzudenken, und darüber den Schlaf verlieren oder ihn gar nie finden.

Die Anthropologin Helen Fisher bildet den analytischen Gegenpart zu den in Emotionen aufgelösten Protagonisten. Sie untersucht die Hirnaktivitäten von Personen, die sich erst kürzlich von ihrem Partner getrennt haben. Dabei gelangt sie zu erstaunlichen Einsichten: Die neuronalen Aktivitäten in den Köpfen der Betroffenen sind fast die gleichen wie die von Süchtigen oder von Personen, die starke Zahnschmerzen haben. Regisseur Christian Frei wiederum bringt sich mittels Skype als Befrager von Alley Scott ein, die er zu Beginn als Figur eingeführt hat und in den Zeiten der Schlaflosigkeit nach ihrem Befinden fragt. Die Protagonisten ihrerseits reflektieren aus dem Off über ihre Situation, ihre Erlebnisse, ihre Gemütszustände und ihre Zukunftswünsche. Dabei scheinen gerade Letztere bei allen drei zu Beginn inexistent und sie selber in einem fieberhaften Zustand der Vergangenheitsobsession festgefahren zu sein. Das Ausbrechen aus diesem Gefangensein im früheren Leben bildet denn auch das eigentliche Thema des Films.

Formal arbeitet die Dokumentation mit einer klassischen Parallelmontage zwischen den drei Protagonisten und der Anthropologin. Als eine Art Nebenhandlung wird dazwischen der Liebeskummer von New Yorkerinnen und New Yorkern, die mit der U-Bahn unterwegs sind, dokumentiert. Sie gegeben in kurzen Statements ihre Erfahrungen und Gefühlszustände wieder und suggerieren die Allgegenwärtigkeit von Menschen in Liebeskummer. Für den atmosphärischen Rahmen sorgen u. a. Max Richter, vor allem für seine Filmmusik zu Waltz with Bashir namhaft, als auch Michael Hariton, der seinen Liebeskummer mit dem Cellospiel zu lindern versucht.

Christian Frei, vor allem durch seinen Dokumentarfilm War Photographer (CH 2001) bekannt, gelingt eine einfühlsame Darstellung seiner Protagonisten. Die Empathie des Zuschauers für die porträtierten Personen bleibt hingegen bis zum Schluss gedämpft, da der Film die Figuren nicht eingehender als Persönlichkeiten mit einer eigenen Biografie thematisiert –, sondern sich ganz auf die Zeitperiode des Liebeskummers, der in diesem Moment eine ewig währende Gegenwart bedeutet, beschränkt.

Simon Meier
*1986, Studium der Ethnologie, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitete von 2007–2013 als Videotheksassistent am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Er lebt in Zürich. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2017)
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