SIMON MEIER

TRAUMLAND (PETRA VOLPE)

SELECTION CINEMA

Vier Personen, vier Geschichten. Sie sind alle durch Mia, eine bulgarische Prostituierte am Zürcher Strassenstrich, verbunden. Es ist Heiligabend. Die Sozialarbeiterin Judith kümmert sich um Sexarbeiterinnen am Zürcher Sihlquai und verkehrt privat mit einem Polizisten. Die verheiratete Lena fällt aus allen Wolken, als sie herausfindet, dass ihr Mann sie mit einer Pros­tituierten betrügt. Sie begibt sich auf eine Reise durch die Nacht, in der auch sie zu Mia findet. Rolf wiederum hat durch die verlorene Beziehung zu seiner Frau auch den Zugang zu seiner Tochter verloren und vertreibt seine Einsamkeit mit Bordellbesuchen. Die Spanier-Schweizerin Maria, deren Mann verstorben ist, lädt den Witwer Juan zu einem Abendessen ein. Gleich nebenan lebt Mia mit ihrem Freund.

Prostitution ist ein allgegenwärtiges Motiv im Kino. Es scheiden sich jedoch die Geister daran, inwiefern sie realistisch oder aber verherrlichend repräsentiert wird. Stellen Filme wie Elles (2011) Prostitution als Sexarbeit dar, die aus Armut, aber freiwillig begangen wird, sind zum Beispiel bei Taken (2008) die Prostituierten allesamt Opfer von brutalen, frauenverachtenden Menschenhändlern. Traumland gelingt es, einen unaufgeregten Blick auf die Thematik zu werfen. Im Zentrum steht nicht die Prostitution an sich, sondern die Menschen, die in verschiedener Art und Weise damit zu tun haben. Volpe ist das grosse Verdienst zuzusprechen, einen der lang gemiedenen Abgründe der Schweizer Gesellschaft in den Fokus der Aufmerksamkeit zu stellen. So würde auf den ersten Blick gar nichts auf eine Beziehung zwischen dem bürgerlichen Milieu von Lena und ihrem Mann einerseits und der Prostitution andererseits hinweisen. Auch der geschiedene Rolf wirkt zu Beginn viel zu gutherzig, als dass man ihm Bordellbesuche zutrauen würde. So wird Mia, grossartig gespielt von Luna Mijovic, zum Angelpunkt für verborgene Verlangen, zerrüttete Existenzen, aber auch einfach zum Lustobjekt von geilen Freiern auf der Suche nach dem schnellen Kick.

Beeindruckend ist, dass Volpe auf einen einfachen Moralismus verzichtet und die Figuren, trotz ihrer Abgründe, mit viel Menschlichkeit ausstattet. So werden dem Zuschauer einige sehr starke und auch witzige Szenen beschert, etwa wenn Rolf mit seinem Vater, seiner Tochter und der plötzlich auftauchenden Mia das Weihnachtsessen einnimmt oder Lena in die Rolle eines Freiers schlüpft, um sich ein Bild der Strassenprostitution zu machen. Einzig die Zuhälter, als deren einer sich auch Mias Freund entpuppt, bleiben eindimensional und entsprechen dem Stereotyp des frauenverachtenden, brutalen Osteuropäers.

Volpe ist mit Traumland einer der stärksten Schweizerfilme seit langem gelungen, der sich ohne Weiteres mit der internationalen Konkurrenz messen kann.

Simon Meier
*1986, Studium der Ethnologie, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitete von 2007–2013 als Videotheksassistent am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Er lebt in Zürich. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2017)
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