SIMON MEIER

LE MONDE EST COMME ÇA (FERNAND MELGAR)

SELECTION CINEMA

Le monde est comme ça ist kein eigenständiger Film. Er ist eine Fortsetzung der viel diskutierten Dokumentation Vol Spécial von 2011, in der Fernand Melgar die Lebensbedingungen in einem Ausschaffungsgefängnis thematisiert. Le monde est comme ça erzählt die Schicksale von fünf Protagonisten weiter, besucht sie ein Jahr nach ihrer Ausschaffung in Kamerun, Gambia, Sénégal, dem Kosovo und in der Schweiz. Anders als in Vol Spécial arbeitet Melgar hier hauptsächlich mit Interviews mit den Betroffenen, die von ihrem Schicksal erzählen, ergänzt durch kurze Sequenzen, die ihre jetzige Lebenswelt zeigen.

Die Schicksale sind mehrheitlich negativ, zeugen von zerstörten Lebensläufen, unerfüllten Hoffnungen und Perspektivenlosigkeit. Väter vegetieren von ihren Familien getrennt dahin und fühlen sich von ihrem richtigen Leben abgeschnitten. Andere finden in den schwachen Ökonomien ihrer Heimatländer keine Arbeit, einzelne wurden nach ihrer Rückkehr gefoltert. Nur wenige Protagonisten konnten in der Schweiz bleiben; sie wurden aufgrund des Todesfalls eines zu Deportierenden freigelassen. Viele betonen, in der Schweiz nicht straffällig geworden zu sein, weil ihr Glaube oder ihre Selbstachtung dies nicht erlaubt hätte. Diesen Aussagen steht der Vorwurf gegenüber, Melgar habe in Vol Spécial dem Publikum die Vorbestrafungen mehrerer Protagonisten bewusst vorenthalten.

Der Film zeigt eindrücklich das Spannungsfeld zwischen behördlichen Praktiken und individuellen Lebenswelten auf: Subjektive, nicht falsifizierbare Erlebnisberichte stehen politikwissenschaftlichen Länderanalysen und juristischen Gutachten gegenüber. Der Raum zwischen den Polen bleibt zwangsläufig einer der Aushandlungen und Ungewissheiten. Dabei nimmt Melgar aber klar Position für die Subjekte und setzt ihre Erfahrungen als Ma­nifestation eines kruden Justizapparates in Szene. Zeugnisse vom Inneren des Leviathans bleibt er dem Zuschauer – wie auch schon in Vol Spécial – schuldig. Man kann ihm deshalb Einseitigkeit vorwerfen, doch versteht sich der Film auch als politisches Produkt, das die Seite der Betroffenen in den politischen Diskurs einbringen will.

Der Film thematisiert zudem die synchronen und diachronen Aspekte des Menschseins. Während die juristischen und politischen Gutachten von gegenwärtigen Einschätzungen der Heimatländer und von den dortigen Zuständen ausgehen, steht für die Betroffenen das eigene Schicksal im Vordergrund. Sie haben seit Jahren, zum Teil seit Jahrzehnten in der Schweiz gelebt und sich hier ein soziales Umfeld aufgebaut. Zurück in der Heimat, so eine der Hauptthesen des Filmes, sind sie nun selbst Fremde, da sie keine oder nur sehr wenige soziale Kontakte besitzen. Sie müssen ihr gesellschaftliches Leben nochmals von vorne beginnen.

Simon Meier
*1986, Studium der Ethnologie, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitete von 2007–2013 als Videotheksassistent am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Er lebt in Zürich. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2017)
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