SIMON MEIER

DIE SCHWARZEN BRÜDER (XAVIER KOLLER)

SELECTION CINEMA

Das Tessin Mitte des 19. Jahrhunderts: Aufgrund eklatanter Armut verkaufen Bergbauern ihre Söhne als Kaminfeger nach Mailand. Weil der Vater die Arztrechnung für die verunfallte Mutter nicht bezahlen kann, wird auch der kleine Giorgio dem Mann mit der Narbe vermacht, der ihn nach Mailand bringt. Die Frau und der Sohn seines Lehrmeisters machen ihm das Leben schwer, wo es nur geht. Giorgio will sich aber nicht mit seinem Schicksal als menschlicher Putzlumpen abfinden. Als er Alfredo – der zusammen mit ihm nach Mailand gebracht worden ist – wiedertrifft, tritt er dem Bund der «Schwarzen Brüder» bei, einer Bande von verschleppten Kaminfegerjungen. Die Schwarzen Brüder haben geschworen, gegen das Elend aufzubegehren und sich gegen die Gemeinheiten der Mailänder Strassenjungen zu wehren. Ausserdem ist da noch die kränkelnde, doch hübsche Tochter des Lehrmeisters, die Giorgio das Heimweh leichter ertragen lässt.

Der Roman Die Schwarzen Brüder (1941) von Lisa Tetzner und ihrem Mann Kurt Held ist ein Klassiker der Kinderliteratur. Die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und bereits 1984 als deutscher Spielfilm sowie 1995 in Form einer japanischen Zeichentrickserie verfilmt. Kollers Verfilmung setzt auf stilistische Authentizität in Form von perfekt nachempfundenen Schauplätzen, die einen direkt in die Welt des 19. Jahrhunderts eintauchen lassen. Für Giorgio ist das Exil in Mailand eine Vertreibung aus dem Paradies. Der idyllischen, archaischen Bergwelt steht die merkantile Tristesse der Grossstadt gegenüber. Hier muss er lernen, Gemeinheiten wegzustecken und sich trotzdem nicht alles gefallen zu lassen.

Berührte Der Verdingbub (2011) durch eine unverklärte Aufarbeitung der Thematik, so bleiben bei Die Schwarzen Brüder die sozialen Verhältnisse leider Klischees: Die Figuren wirken karikaturenhaft und konfliktfrei. Der Lehrmeister gesellt sich fast schon zu Beginn auf Giorgios Seite, dieser muss abgesehen von vereinzelten Gemeinheiten durch sein Umfeld keine wirklichen Hindernisse überwinden und die anderen Kaminfegerjungen bleiben in ihrer Figurenzeichnung mehr Komparsen, statt sich zu Individuen zu entwickeln. Es fehlt die Verspieltheit und Irrationalität, die Kinder in der Realität an den Tag legen. Die Stärke des Films liegt stattdessen einerseits in der souveränen Verkörperung der Figuren durch die Darsteller, andererseits in der Vermittlung eines authentischen Schicksals sowie der Erfahrung von Entbehrung und Heimweh, die den Protagonisten dazu zwingt, sich früh von seiner Kindheit zu verabschieden, um dann doch noch die Heimat wiederzufinden.

Simon Meier
*1986, Studium der Ethnologie, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitete von 2007–2013 als Videotheksassistent am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Er lebt in Zürich. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2017)
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