SIMON MEIER

AM HANG (MARKUS IMBODEN)

SELECTION CINEMA

Romanverfilmungen bilden kein eigenes Genre, doch scheiden sich die Geister daran, ob man ein Buch überhaupt verfilmen kann oder ob die Adaption immer eine unabhängige Neuinterpretation darstellt. Diese Frage ist für den Roman Am Hang von Markus Werner besonders relevant, denn Werners Geschichte besteht im Grunde nur aus einem langen Dialog zwischen zwei Männern, die durch eine ihnen anfangs unbekannte Begebenheit miteinander verbunden sind. Da ist einerseits der Anwalt für Scheidungsrecht, Clarin, der sich an Pfingsten zum Schreiben in sein Ferienhaus im Tessin begibt. Noch am Tag seiner Ankunft macht er im Hotel Bellevue in Montagnola die Bekanntschaft von Herrn Loos – der sich später als Felix Bendel entpuppt –, einem verbitterten Altphilologen, der erst vor kurzem seine langjährige Lebenspartnerin verloren hat. Es entspinnt sich ein ausgedehnter Dialog, in dem die konträren Weltsichten der beiden Figuren immer offenkundiger werden: Clarin ist ein Lebemann, der vieles nicht so ernst nimmt, auch die Liebe nicht. Loos hingegen ist bedächtig, traditionell und fortschrittskritisch. Seine Haltung fasst er im Diktum «Allein das Zögern ist human» zusammen. Sukzessive wird klar, dass die beiden Männer früher eine Beziehung zur selben Frau, Valerie, hatten. Da Loos die Trennung von Valerie alles andere als überwunden hat, wird die Bekanntschaft für Clarin immer bedrohlicher.

Der Film versucht die Dialogfixiertheit des Romans aufzubrechen, indem in ausgedehnten Rückblenden die Liebesverhältnisse von Clarin und Valerie sowie Loos und Valerie erzählt werden. Diese spielen hauptsächlich in Zürich, was für Ortskundige einen zusätzlichen Reiz des Films ausmacht. Im Film sind Loos und seine Frau ein Musikerpaar, und Loos wird in makaber-absurden Szenen als stark selbstmord­gefährdet dargestellt. Das Sinnieren über Le­benseinstellungen, Liebe und gesellschaftliche Werte wird zwar gekürzt, aber doch ausführlich wiedergegeben. Der Film verlagert den Fokus auf den Aspekt des Beziehungsdramas und der wachsenden Eifersucht, wobei das Thema der Paranoia, die Clarin mehr und mehr befällt, nur am Rande behandelt wird. So wird der Ausspruch «Alles dreht sich, und alles dreht sich um ihn» mehr zu einer Floskel als zu einem Topos des Films. Trotzdem überzeugt die filmische Umsetzung, vor allem aufgrund der her­vorragenden Schauspielleistungen der drei Protagonisten. Ob die dramatische Zuspitzung zum Ende des Films, die über das Buch hinausgeht und so die Bedeutungsoffenheit des Romans aufhebt, wirklich notwendig war, sei dahingestellt.

Simon Meier
*1986, Studium der Ethnologie, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitete von 2007–2013 als Videotheksassistent am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Er lebt in Zürich. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2017)
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