BETTINA SPOERRI

L’EXPÉRIENCE BLOCHER (JEAN-STÉPHANE BRON)

SELECTION CINEMA

Gleich zu Beginn seines Dokumentarfilms über Christoph Blocher stellt Jean-Stéphane Bron klar, dass er und der populistische Schweizer Politiker und Millionär unvereinbare politische Meinungen besitzen. Dieses Statement, im Off-Kommentar des Filmemachers zu hören – ein Kommentar, der sich auf diese Weise durch den ganzen Film zieht – scheint nötig, weil es ein schwieriges Unterfangen ist, Blocher zu filmen und dennoch der Regisseur dieses Films zu bleiben. Der im Umgang mit Medien gewiefte Politiker versteht es, selbst kritische Berichte zu seinen Gunsten zu nutzen. Eine weitere Schwierigkeit stellte sich Bron: Bei den tagelangen Drehs, stets unterwegs mit dem Protagonisten, könnte sich eine nicht wünschbare Nähe zu Blocher einstellen und den Regisseur zum Kom­plizen des Populisten machen, dessen Ideo­logie er keinesfalls teilen will.

L’expérience Blocher, wie Bron seinen Film genannt hat, ein Titel, der auch auf diese Art von Auseinandersetzung des Filmautors mit seinem Objekt-Subjekt hinweist, ist mehrheitlich im Luxusauto Blochers situiert. Die Kamera rückwärts, vom Vorder- auf den Hintersitz gerichtet, zeigt er Blocher bei Telefonaten mit seinen Kollegen oder seinem Kommunika­tions­verantwortlichen (in ausgewählten Passagen, die politisch oder juristisch nicht direkter Sprengstoff sein durften), er übt mit seiner Frau noch einige französische Vokabeln vor einer Rede, kommentiert oder resümiert Ereignisse, ist nach einem Auftritt zufrieden oder aber auch verbohrt-schweigsam, wenn etwas nicht in seinem Sinne gelaufen ist.

Viel interessanter als der Schauplatz Auto und die Ausschnitte von Auftritten, aus Schweizer Medien seit Jahren sattsam bekannt, sowie eine Tour d’Horizon durch Blochers Karriere ist indes eine andere visuelle Ebene: Jean-Stéphane Bron und Patrick Lindenmaier (Kamera) durften auch in Blochers Villa am Zürichsee filmen. Blocher und immer wieder auch seine Frau – die hier meist mehr Staffage bleibt, ein ewiger Begleitschatten ihres Mannes, die im eigentlichen Politikleben aber durchaus die Fäden in der Hand haben soll – zeigen sie als Residierende in ihrem herrschaftlichen Haus, dessen Räume und lange Gänge mit einer ganzen Anker-Bildersammlung ausgestattet sind. Blocher schwimmt früh morgens seine Längen im grossen Swimmingpool, begibt sich im Bademantel in sein Badezimmer, er sitzt auf einem Sessel und betrachtet Anker-Bilder, er und seine Frau frühstücken mit Blick auf den See – diese und mehr Bilder inszeniert Bron, als würden wir ein Wohnmuseum besuchen. Seltsam leblos wirkt da Blocher, einmal ohne Worte, wie ein Geist in seinem für sich selbst erbauten Mausoleum – in dem er umgeht und nicht zu Ruhe kommt. Auch nach seiner Abwahl und weiteren SVP-Misserfolgen nicht. Der Mo­narch möchte Monarch bleiben, bis zu seinem bitteren Ende.

Bettina Spoerri
*1968, Dr. phil., studierte in Zürich, Berlin und Paris Germanistik, Philosophie, Theater- und Filmwissenschaften, danach Dozentin an Universitäten, der ETH, an der F&F u.a.m.. Begann 1998 als freie Filmkritikerin zu arbeiten und war u.a. Redaktorin (Film/Theater/Literatur) bei der NZZ. Mitglied Auswahlkommission Filmfestival Fribourg 2010–12, Internat. Jury Fantoche 2013. Heute ist sie freie Schriftstellerin und leitet (seit 2013) das Aargauer Literaturhaus. Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.seismograf.ch, www.aargauer-literaturhaus.ch
(Stand: 2018)
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