DOMINIC SCHMID

LOVE EXPOSURE (AI NO MUKIDASHI) (SHION SONO, J 2008)

MOMENTAUFNAHME

Nach vier Stunden atemlosem Plot, der so ziemlich alles enthält, was man unter japanischer Überdrehtheit versteht, endet der Film mit einem Freeze Frame zweier sich haltender Hände. Zuvor wurde aus ver­schiedenen, oft katholischen Gründen akrobatische Guerilla-Unter­hosenfotografie betrieben, Genderverwirrung zelebriert und eine ganze neo-christliche Sekte heldenhaft per Katana massakriert. All dies wird aber vom finalen Akt, wenn sich die Liebenden endlich als solche erkennen, in den Schatten gestellt, worauf der Film abrupt endet. «Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei ...» Nichts scheint weiter von Shion Sonos wild-absurdem Meisterwerk entfernt zu sein als das Kino von Yasujirô Ozu, doch auch dort verdichtet sich jeweils das ganze menschliche Drama des modernen Familienlebens in stillen, antiklimaktischen Momenten der flüchtigen Erkenntnis. «Es ist schönes Wetter, nicht?» Sono und Ozu scheinen, wenn auch mit gänzlich verschiedenen Mitteln, das Gleiche zu sagen.

Dominic Schmid
*1983 in Solothurn, Studium der Japanologie, Filmwissenschaft, Politikwissenschaft und Phi­losophie in Zürich und Lausanne. Daneben Tätigkeit als Kinooperateur und Video­thekar. 2003–2009 Vorstandsmitglied und Prä­sidium der Filmgilde Biel. Zurzeit Master Filmwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Seit 2013 Redaktionsmitglied von CINEMA.
(Stand: 2017)
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