STEFAN STAUB

DIE WIESENBERGER (BERNARD WEBER, MARTIN SCHILT)

SELECTION CINEMA

Das Schöne an Dokumentarfilmen ist, dass sie sich im Verlauf des Drehs manchmal in eine ganz andere Richtung entwickeln, als sie anfangs angedacht worden sind. Die beiden Filmemacher Bernard Weber und Martin Schilt sind ausgezogen, um einen Film über die vielleicht bekannteste Jodlergruppe der Schweiz zu drehen, und kamen zurück mit einer äusserst kurzweiligen Lektion in helvetischer Basisdemokratie.

Einem breiten Schweizer Publikum sind die Jodler vom Wiesenberg dank ihrem Sieg in der TV-Sendung Die grössten Schweizer Hits be­kannt, wo sie im Duett mit Francine Jordi ihre Interpretation des Liedes Das Feyr vo dr Sehnsucht zum Besten gaben. Dieses Ereignis nehmen die Filmemacher als Ausgangspunkt, um die Wechselwirkungen zwischen Erfolg und Gruppendynamik unter die Lupe zu nehmen. Nach ihrem medialen Durchbruch werden die singenden Bergler auf einmal mit Anfragen überhäuft. Darunter auch ein ganz besonderes Angebot: Die Nidwaldner Jodler werden eingeladen, die Schweiz an der Weltausstellung in Schanghai zu vertreten. Jetzt brechen die schwelenden Konflikte aus, die dem plötzlichen Erfolg geschuldet sind, und der Zusammenhalt in der über zwanzig Jahre gewachsenen Gruppe droht zu zerreissen. Doch wer nun denkt, dies sei der Anfang vom Ende ihres Erfolges, hat nicht mit der schier unerschöpflichen Kompromissfähigkeit der Jodler gerechnet.

Zwei Jahre lang haben die beiden Filmemacher die singenden Bergler begleitet. So ist es ihnen gelungen, das nötige Vertrauen zu ihren Protagonisten aufzubauen und ihnen auch intime Worte zu entlocken. Die Jodler kommen durchs Band gut schweizerisch bescheiden und bodenständig rüber und haben dank ihrer träfen Sprüche bald die Lacher auf ihrer Seite. Und wer da noch nicht glaubt, dass es solch urchige Eidgenossen noch gibt, ist spätestens dann überzeugt, wenn sie eines ihrer Lieder anstimmen. Am stärksten ist der Film aber in jenen Szenen, in denen über das Für und Wider der Schanghai-Reise debattiert wird. An den entsprechenden Vereinssitzungen und Stamm­­tischen waren die Filmemacher jeweils mit mehreren Kameras dabei. So ist es ihnen gelungen, die Dynamik dieser Diskussionen festzuhalten und in ihrer ganzen Intensität rüberzubringen.

Genau wie die Jodlertruppe in ihren Liedern schafft es dabei auch der Film, eine Balance herzustellen zwischen urchigem Brauchtum und populärer Unterhaltung. Die Filmemacher begegnen den Protagonisten mit Respekt. Sie verzichten auf einen erklärenden Kommentar und lassen Ironie und Kritik nur sehr punktuell über die Bilder aufblitzen. Und dies ist gerade die grosse Stärke des Filmes: Dass er nicht versucht, Brauchtum und Showbusiness gegen­einander auszuspielen, sondern die Dynamik hinter diesen vordergründigen Gegensätzen in Bildern erzählt, die für sich selbst sprechen.

Stefan Staub
*1980 in Bern, studierte Publizistik, Filmwissenschaft und Sozialpsychologie an der Universität Zürich. Fortbildung an der Drehbuchwerkstatt München (2010/11), derzeit als Programmkoordinator bei den Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur und als freischaffender Drehbuchautor tätig. Seit 2016 Mitglied der CINEMA-Redaktion.
(Stand: 2017)
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