SIMON MEIER

NACHTLÄRM (CHRISTOPH SCHAUB)

SELECTION CINEMA

Nachtlärm ist die zweite Zusammenarbeit von Christoph Schaub und dem Schweizer Erfolgsautor Martin Suter. Ihr neustes Projekt erzählt von den Nöten der jungen Eltern Livia und Marco, die wegen ihres neun Monate alten Schrei-Babys in der Nacht kein Auge zukriegen. Auch in der Beziehung der beiden herrscht alles andere als harmonische Eintracht. Als Marco und Livia einmal mehr von ihrem Sprössling um den Schlaf gebracht werden, wenden sie das einzig sich bewährende Schlafmittel für den Kleinen an: sich ins Auto zu setzen und über die Autobahn zu donnern. Als sie nach einem erneuten Streit auf einer Raststätte anhalten und sich kurz von ihrem Auto entfernen, hat das fatale Folgen: Der Wagen wird, mitsamt dem Baby, entwendet. Es beginnt eine Verfolgungsjagd durch die Nacht, die die Protagonisten aus ihrem gewohnten Trott herausreist.

Die Nacht, die sie umgibt, wird zu einem der zentralen Elemente des Films. Sie hebt die Gesetze des Tages auf, scheint die Zeit zu dehnen, verfremdet die Konturen des Bekannten ins Unheimliche, Fantastische. Immer wieder sieht man die Schemen von nächtlichen Fahrzeugen, Häusern oder Landschaften vorbeiziehen, die Lichter von Scheinwerfen durch das Dunkel brechen. Dunkelheit und Lichtkegel werden zur bestimmenden visuellen Ikonografie. Die Protagonisten ihrerseits werden zu Suchenden, die sich durch ein Labyrinth der Konturenlosigkeit schlagen, oft ohne sicheren Anhaltspunkt, wo sie nach ihrem Baby suchen sollen. Die Nacht wird zu einem riesigen Negativraum für die Ängste und Nöte der beiden Elternteile. Sie symbolisiert aber auch Exzess, Lüsternheit und Dekadenz, wie dies beim Autodieb der Fall ist, der sich mit dem mitgeschleppten Freudenmädchen vergnügen will. Dann ist da noch der Besitzer des Mercedes, mit dem die Eltern die Verfolgung des gestohlenen Autos aufgenommen haben. Auch seine Absichten sind alles andere als durchsichtig. Mit Nachtlärm haben die Filmemacher eine ungewöhnliche Mischung aus Roadmovie, Komödie und Thriller geschaffen, die durch ihren anhaltenden Spannungsbogen und das Oszillieren zwischen dramatisch und komisch fasziniert.

Christoph Schaub ist einer der erfolgreichsten Schweizer Regisseure. Mit seinen Spielfilmen Sternenberg (2004), Happy New Year (2008) und Giulias Verschwinden (2009) erreichte er ein breites Publikum.

Simon Meier
*1986, Studium der Ethnologie, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitete von 2007–2013 als Videotheksassistent am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Er lebt in Zürich. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2017)
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