SIMON MEIER

APPASSIONATA (CHRISTIAN LABHART)

SELECTION CINEMA

Die Pianistin Alena Cherny wohnt seit fünfzehn Jahren in der Schweiz. Ihr Leben ist der Musik gewidmet. Als Konzertpianistin hat sie Auftritte in der ganzen Welt, ist zudem aber auch Klavierlehrerin und Mutter einer Tochter. Cherny versteht es wie alle guten Pianisten, jede Facette ihrer eignen Person in ihr Klavierspiel einfliessen zu lassen: «Mit den Worten kann man lügen, mit den Tönen nicht.» Christian Labhart begleitet die Pianistin auf ihrer Reise zurück in ihre Heimat Ukraine, wo sie über zwanzig Jahre ihres Lebens verbrachte. Der Musikschule ihres Heimatdorfes möchte sie einen neuen Flügel schenken. Diese Handlung bildet den Rahmen der Geschichte.

Der Film ist eine berührende Reise, der viele Klassiker der Klaviermusik mit einem persönlichen Schicksal verknüpft. Was für eine Bedeutung hat zum Beispiel Bachs Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ für die Pianistin? An einer Orgel sitzend erklärt sie Labhart, wie die verschiedenen Stimmen des Stückes den Text des Kirchenlieds aufnehmen. In Solaris montierte Tarkowski das Lied mit surrealen Bildern und schuf für Cherny so einen prägenden Moment ihrer Kindheit, in der sie die Liebe zur klassischen Musik entdeckte: Ein Leuchter mit brennenden Kerzen fliegt durch die Luft, danach auch die Frau und der Mann im Hintergrund. Zusammen mit Bachs Musik entsteht einer jener magischen Momente, die Kunst so wertvoll machen. Jedes Musikstück erzählt eine Geschichte, betont Cherny. Diese manchmal offenkundigen, manchmal versteckten Geschichten versucht sie in allen ihrer Interpretationen herauszuarbeiten.

Die Reise zurück in die eigene Jugend ist gleichzeitig ein Wiederaufleben des Jahrzehnts im Internat, in das Cherny als neunjähriges Mädchen geschickt wurde. Hier lebte sie für zehn Jahre auf engstem Raum mit den Mit­schülerinnen des Musik-Eliteinternats, erlebte Quälereien und seelische Einsamkeit. Die Reise ist auch eine eindrückliche Fahrt in die Sperrzone von Tschernobyl, wo Cherny in der Geisterstadt Pripjat in einem völlig zerfallenen Konzertsaal auf den Überresten eines Flügels musiziert. Den Geigenzähler griffbereit. Auf der Fahrt dorthin erklärt sie Labhart, dass sie hier ihre Vergangenheit nicht mehr wiedererkennen kön­ne. Für ihn, den Dokumentarfilmer, sei der Kommunismus eine Idee, ein Konstrukt. Für sie sei er eine Realität gewesen, die nun nicht mehr existiere.

Nach dem Tschernobyl-Zwischenfall erkrankte Alena an Leukämie und migrierte in den Westen. Die Tochter liess sie bei den Eltern in der Ukraine. Wieder zurück in ihrem Herkunftsdorf Romny, wird der Flügel mit einer grossen Feier in Empfang genommen. Ebenso Alena selbst, die nun mit ihrem Klavier einen Teil von sich selbst in ihrer Heimat lassen will. Der Film zeigt eindrücklich, welche emotionale Kraft und Tiefe Klaviermusik zu entfalten vermag, wie viel Musik, trotz ihrer Abstraktheit, auszudrücken vermag. Ohne sie wäre auch das Kino nicht, was es ist.

Simon Meier
*1986, Studium der Ethnologie, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitete von 2007–2013 als Videotheksassistent am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Er lebt in Zürich. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2017)
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