SIMON MEIER

AVANTI (EMMANUELLE ANTILLE)

SELECTION CINEMA

Léa arbeitet in einem Elektronikgeschäft. Einer ihrer Arbeitskollegen ist ihr Geliebter. Ihre ganze Fürsorge und Zeit schenkt sie aber ihrer Mutter Suzanne. Diese ist aus unbekannten Gründen nicht mehr wie früher, sondern verhält sich autistisch, kindlich und ist in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Die Mutter kümmert sich nun nicht mehr um die Tochter, sondern die Tochter – unterstützt von Vater und Tante – um die Mutter. Léa widerstrebt es, dass ihre Familie ihre Mutter als Verrückte abstempelt. Denn trotz ihres abnormalen Verhaltens ist Suzanne glücklich, lacht oft und hat einen kindlichen Spielsinn.

Léa verbringt viel Zeit damit, das Verhalten ihrer Mutter mit einer Handkamera zu dokumentieren, und betrachtet in ihrem verdunkelten Zimmer ihre Aufnahmen. Wie sie früher war und heute ist. Als Léa Suzanne wieder zurück in die Klinik bringen soll, fasst sie einen spontanen Entschluss: Sie fährt mit ihr quer durchs Land, um ihrer Mutter wieder näherzukommen und selber dem Alltag zu entfliehen.

Narrativ ist der Film in zwei Teile gegliedert. Da ist die Reise von Mutter und Tochter und das zugehörige Präludium, in dem Suzanne – brillant gespielt von Hanna Schygulla – immer wieder in kindliche Streiche und Exzesse ausbricht. Die Gliederung wird auch durch die Filmästhetik gespiegelt: Eingeschoben in die Haupthandlung sind körnige, farbtrunkene Super-8-Aufnahmen, die ein junges Mädchen mit ihrer Mutter in verschiedensten Situationen zeigen. Die Mutter wirkt fürsorglich, gewöhnlich, das Mädchen glücklich. In der filmischen Gegenwart ist Léa hin- und hergerissen zwischen der liebenswerten, kindlich verrückten Art ihrer Mutter und ihren plötzlich ausbre­chenden Unverantwortlichkeiten und Trotz­haltungen. Die Handkamera, mit der Léa ihre Mutter dokumentiert, wirkt wie ein medizinisches Instrument, mit dem die Tochter die Psyche ihrer Mutter zu begreifen versucht.

Während der Auto-Odyssee zweigen die beiden plötzlich in einen Wald ein und finden sich an einem versteckten See wieder, an dem sich ein vergessenes Jugendlokal der Mutter befindet. Ausdrucksstark verdeutlicht der Film einmal mehr den Gegensatz zwischen Léas und Suzannes Verhalten: Suzanne tanzt ohne Hemmungen mit mehreren Männern. Léa steht an der Bar und schaut ihrer Mutter amüsiert zu, versucht ihre eigenen Anwerber aber abzuwimmeln. Die Szene versinnbildlicht, wie die Vorstellungen über Normalität und Alterität gesellschaftlich konstruierten Wertvorstellungen un­terliegen. Die Verkörperung der wahnsinnigen Mutter unterläuft bestimmte soziale Normen und hinterfragt eben diese normativen Grund­sätze zugleich. Dies pointiert aufzuzeigen, ist die Stärke dieses Films.

Simon Meier
*1986, Studium der Ethnologie, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitete von 2007–2013 als Videotheksassistent am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Er lebt in Zürich. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2017)
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