BETTINA SPOERRI

FLYING HOME (TOBIAS WYSS)

SELECTION CINEMA

Tobias Wyss geht in seinem 80-minütigen Dokumentarfilm den tatsächlichen Verhältnissen hinter einer Familienlegende nach: Dem allseits bewunderten Onkel Walter Otto Wyss – kurz «WOW!» genannt –, der 1939 nach Amerika auswanderte und dort als Autoerfinder zuerst einmal eine Blitzkarriere hinlegte. Was aus der Ferne – und insbesondere aus den Augen des Kindes, das Tobias Wyss war – nach einer blendenden, faszinierenden Existenz aussah, entpuppt sich nun im Laufe der Recherchen des Erwachsenen immer mehr als ein schwieriges Leben voller Brüche und mehr oder weniger gut gehüteten Geheimnissen.

Der junge Ingenieur, erst kurze Zeit in den USA, stieg schnell auf und entwickelte ein innovatives Hybridauto, das aber am Ende nie produziert wurde. Briefe in die Heimat kaschierten seine Enttäuschung und seine wachsenden Versagensängste, und in der Aufrechterhaltung der Fassade gegenüber seinen Schweizer Verwandten wurde Walter zunehmend einsamer. Die Liebesbeziehung mit einer afroamerikanischen Tänzerin – damals noch alles andere als von der Gesellschaft toleriert – hielt er ebenso geheim wie seine obsessiven Fotoserien. Ende der 1950er-Jahre lernte er in Tokio Japanisch und lebte beinahe wie ein Eremit, bevor er die letzten Jahrzehnte vor seinem Tod 2001 in Hawaii verbrachte, wo niemand seine Geschichte wirklich kennt.

Tobias Wyss nähert sich in Flying Home der Geschichte seines Onkels behutsam, sichtet die riesige Fotosammlung des Verwandten und verwebt diese Bilder und Dokumente mit seinen eigenen Aufnahmen, begibt sich auf Spurensuche in die USA. Der Neffe umkreist das Rätsel, arbeitet sich über den Glamour der lange aufrechterhaltenen «WOW»-Fassade mit vielen offenen Fragen mehr und mehr in die Geschichte eines schillernden Lebens hinein. Er trägt Schicht um Schicht ab – bis Walter Otto Wyss überraschend auch noch einmal lebend auf der Leinwand erscheint, als gebrechlicher, kauziger Mann, der sich weiterhin nicht in die Karten sehen lassen will. Aus den vielen, in den letzten Jahren erstellten dokumentarischen Annäherungsversuchen an familiale «oral histories» in bzw. aus der Schweiz ragt Wyss’ Flying Home durch eine überzeugende, vielschichtige Erzählweise heraus. Indem sich der Filmemacher als Ich-Erzähler mit in den Film hineinnimmt, seine Projektionen auf ernste, witzige und selbstironische Weise reflektiert, erzählt er durch das Eigene und Individuelle hindurch eine universale Geschichte: Die von unserer Sehnsucht nach bewundernswerten Figuren – Fanta­sien, die meist mehr mit uns als mit der Realität zu tun haben. Flying Home ist ein verspielter, humorvoller, aber auch manchmal trauriger Film, eine intelligente, anregende Hommage an schwarze Schafe und Sonderlinge, wie es sie wohl in jeder Familie gibt. Wie ein Fotoalbum, das auf der Suche nach neuen Sichtweisen nicht nur neugierig durchgeblättert, sondern auch neu komponiert wird.

Bettina Spoerri
*1968, Dr. phil., studierte in Zürich, Berlin und Paris Germanistik, Philosophie, Theater- und Filmwissenschaften, danach Dozentin an Universitäten, der ETH, an der F&F u.a.m.. Begann 1998 als freie Filmkritikerin zu arbeiten und war u.a. Redaktorin (Film/Theater/Literatur) bei der NZZ. Mitglied Auswahlkommission Filmfestival Fribourg 2010–12, Internat. Jury Fantoche 2013. Heute ist sie freie Schriftstellerin und leitet (seit 2013) das Aargauer Literaturhaus. Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.seismograf.ch, www.aargauer-literaturhaus.ch
(Stand: 2018)
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