SENTA VAN DE WEETERING

LÄNGER LEBEN (LORENZ KEISER, JEAN-LUC WEY)

SELECTION CINEMA

Lorenz Keiser hat gemeinsam mit Peter Luisi das Drehbuch zu Länger leben geschrieben und sich darin die Rolle des Chirurgen Egon Schöllkopf gleich selber auf den Leib geschneidert. Die Hauptrolle jedoch ist ganz und gar auf Mathias Gnädinger zugeschnitten, der den Film mit seiner Präsenz denn auch trägt. Er spielt Max Wanner, eine klassische Gnädiger-Rolle: etwas komisch, etwas rührend und in den Augen seiner Liebsten ganz leicht neben den Schuhen, während er die Sympathien des Publikums voll auf seiner Seite hat. Es handelt sich in diesem Fall um einen kleptomanischen Rentner mit Geld- und Leberproblemen. Und hier nun kommt Egon Schöllkopf ins Spiel: Der hat einen eigenwilligen Weg gefunden, dem Mangel an Spenderorganen entgegenzuwirken: Er verkuppelt Patienten mit einem Problemorgan mit anderen Patienten, denen jeweils ein anderes Organ tödliche Sorgen be­reitet. Wer länger lebt, bekommt das gesunde Organ des Verstorbenen. In der Theorie ist nur dem Arzt bekannt, wer der andere ist. In der Praxis scheitert das an Max Wanners Kleptomanie und einigen unvorhergesehenen Ereignissen.

Sicher, zum Thema Organhandel liesse sich vieles sagen, politisch Brisantes, Kritisches, Entsetzliches. Die Diskussionen über die Kosten des Schweizer Gesundheitswesens laufen schon lange heiss. Länger leben verzichtet darauf, zum einen wie zum anderen Stellung zu nehmen – dankenswerterweise. Der Film behauptet nicht etwas anderes zu sein als Klamauk, und das ist er auf die schönste Weise – selbst wenn Leute abgeschlachtet werden, um ihre Organe als «Russisches Gulasch» zu verkaufen, ist das zwar tödlich, aber nie todernst. Das sorgfältig aufgebaute Drehbuch trägt mit gut sitzenden Dialogen, liebevoll-schrägen Figuren und einem Hang zum Überdrehten ebenso die Handschrift von Lorenz Keiser wie von Peter Luisi. Mit kleinem Budget und einem soliden Schauspielerensemble gedreht, ist ein höchst amüsantes Filmchen herausgekommen, das sogar der Filmgeschichte seine Referenz erweist, wenn die beiden potenziellen Organspender einen verbalen Kleinkrieg anzetteln, der in der Manier eines Western-Duells inszeniert wird.

Senta Van De Weetering
1966* Filmwissenschaftlerin und Germanistin. Arbeitete als Journalistin, Redaktorin, Moderatorin und Texterin. Heute ist sie freischaffende Journalistin und Kommunikationsfachfrau, im Team der Kurzfilmtage Winterthur engagiert und für das Marketing im Programmkino Xenix (Zürich) zuständig.
(Stand: 2017)
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