SIMON MEIER

ALL THAT REMAINS (PIERRE-ADRIAN IRLÉ, VALENTIN ROTELLI)

SELECTION CINEMA

All that remains erzählt die Geschichte zweier Autoreisen. Eine in Japan, die andere in den USA. Die junge Amerikanerin Ellen irrt scheinbar ziellos durch die Grossstadt Tokio, bis sie auf den älteren Herrn Nakata trifft, der sie auf seine Reise nach Toyota City mitnimmt. Der Grund ihrer Reise ist unklar. Irgendwo in den USA nimmt Ben, der ebenfalls mit unklarem Ziel unterwegs ist, die Rucksackreisende Sarah auf, die ihren inhaftierten Mann besuchen will. Beide Geschichten zeichnen sich durch das Zusammentreffen von zwei unterschiedlichen, einander fremden Figuren aus: Ben ist extrem wortkarg und wird von der pausenlos quasselnden Sarah an den Rand seiner Geduld getrieben. Ellen ist melancholisch gestimmt und schätzt die japanische Korrektheit, die Nakata an den Tag legt.

Die Beziehungen zwischen den Figuren entwickeln sich langsam und eröffnen schrittweise die Beweggründe hinter dem Verhalten der Reisenden. Nakata kündigt nach dreissig Jahren seine Stelle in der Industriestadt Toyota, um sich neue Perspektiven zu eröffnen. Die Rucksackreisende Sarah möchte ebenfalls von ihrer unglücklichen Vergangenheit Abschied nehmen. In diesem spannungsgeladenen Kontext nehmen die Landschaften, die durchfahren werden, einen nicht unerheblichen Stellenwert ein. Sie werden zu Projektionsflächen für die seelischen Zerrüttungen der Protagonisten, die zuweilen verloren darin herumstehen. Sie wissen nicht wohin und nicht wohin mit sich selber.

Eine ästhetische Qualität des Filmes liegt in seinem quasi-dokumentarischen Charakter. So wirken die Einstellungen in den Strassen von Tokio zu Beginn des Films, wie wenn sie inmitten des Alltags aufgenommen worden wären, ohne den alltäglichen Fluss der Menschenmassen zu unterbrechen. Was All that remains auf erfrischende Weise vom typischen Roadmovie unterscheidet, ist dass seine Protagonisten sich nicht auf einem Selbstfindungstrip befinden, sondern mit ihrer Vergangenheit brechen wollen. Dass die Beweggründe für diesen Bruch bis zum Schluss fast nicht thematisiert werden, macht das Handeln der Figuren über weite Strecken rätselhaft. Das metaphorische Grundmotiv des Films, das Bauen einer Brücke zwischen verschiedenen Kontinenten oder Menschen, wird behutsam angegangen. Oft sitzen die fremden Reisenden schweigend nebeneinander und stellen eine Übereinkunft dar, die in der Zurücknahme der eigenen Person gründet.

All that remains überzeugt durch seine Fokussierung auf vier Einzelschicksale, die von den Hauptdarstellern souverän verkörpert werden. Isabelle Caillat erhielt für ihre Darstellung der melancholischen Amerikanerin Allen den Schweizer Filmpreis 2011 für die beste weibliche Hauptrolle.

Simon Meier
*1986, Studium der Ethnologie, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitete von 2007–2013 als Videotheksassistent am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Er lebt in Zürich. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2017)
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