CHRISTINA VON LEDEBUR

DER VERDINGBUB (MARKUS IMBODEN)

SELECTION CINEMA

Als der Waisenjunge Max aus dem Heim geholt und zur Bauernfamilie Bösiger gebracht wird, glaubt er, dass sich sein Traum einer richtigen Familie erfüllt. Doch als Verdingkind muss er hart arbeiten und erntet dafür nichts als Verachtung. Auf dem Hof Dunkelmatten bleiben Max nur seine Handorgel und ein Hase, den er im Feld findet. Doch der Hase landet bald als Delikatesse auf dem Tisch und nach einem Streit mit Jakob, dem Sohn der Bösigers, schmeisst dieser Max’ Lieblingsinstrument ins Feuer. Das Einzige, was Max nun Hoffnung gibt, ist Berteli, das Verdingmädchen, das mit ihm sein Schicksal teilt, und seine Lehrerin, die sich für ihn einsetzt. Von ihr hört er zum ersten Mal von Argentinien, wo es keine Verdingkinder geben soll und sogar die Heugabeln aus Silber seien. Doch das Engagement der Lehrerin macht das Leben für Max nur noch schwieriger und Max kann Berteli nicht vor Jakob beschützen, der sich an ihr vergreift. Als Berteli schwanger wird, laufen die Dinge auf dem Hof aus dem Ruder und Max versucht ein letztes Mal, sein Leben selber zu bestimmen.

Die Geschichte von Der Verdingbub basiert auf einer Reihe von realen Schicksalen. Regisseur Markus Imboden macht in seinem Film ein dunkles Kapitel der Schweizer Sozialgeschichte zum Thema. Bis in die 1960er-Jahre wurden Waisen- oder Scheidungskinder in der Schweiz verdingt. Auch wenn das Verdingen von Kindern aus heutiger Sicht unmenschlich ist, zeichnet Imboden nicht einfach nur schwarz-weiss. Alle Beteiligten scheinen in einem System gefangen, welches Gewalt begünstigt. Imboden rechtfertigt das Handeln seiner Figuren nicht, aber er will, wie er selber sagte, «greifbar machen, was Armut mit Menschen machen kann». Besetzt hat der Schweizer Regisseur sein Drama mit den beiden Jungschauspielern Max Hubacher und Lisa Brand sowie mit den erfahrenen Mimen Stefan Kurt, Max Simonischek, Andreas Matti, Miriam Stein und der deutschen Schauspielerin Katja Riemann.

Markus Imboden hat 2010 den Tatort Wunschdenken und damit seit 2001 zum ersten Mal wieder in der Schweiz gedreht. Lange Zeit war er vor allem in Deutschland als Regisseur tätig und realisierte dort verschiedene TV-Filme wie zum Beispiel das Drama Hunger auf Leben (D 2004) oder den preis­­gekrönten Krimi Mörder auf Amrun (D2010). Weil sein Vater unter ähnlichen Umständen wie Verdingkinder aufwuchs, interessierte sich Imboden besonders für die Umsetzung des Stoffes von Der Verdingbub. Nicht alles ist ihm in diesem Film gelungen. Manche Situa­tionen wirken plakativ und der Schluss ist allzu versöhnlich. Eines aber ist gewiss: Visuell und schauspielerisch überzeugt Der Verdingbub. Und er gibt den über 100 000 Menschen, die in der Schweiz Verdingkinder waren, eine Stimme.

Christina Von Ledebur
*1975, Studium der Romanistik, Anglistik und Filmwissenschaft in Zürich. Film- und Serienredaktorin beim Schweizer Fernsehen.
(Stand: 2017)
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