DORIS SENN

L'AMBASSADEUR & MOI (JAN CZARLEWSKI)

SELECTION CINEMA

In diesem auf den ersten Blick etwas ungelenk anmutenden kleinen Dokumentarfilm geht es um einen Botschafter – den «ausserordent­lichen und bevollmächtigten Botschafter der Republik Polen im Königreich Belgien», um genau zu sein. Und um seinen Sohn, der gleichzeitig der Filmemacher ist. Ersterer ist ein augenscheinlich überarbeiteter Diener seines Amtes und ein vielfach ausgezeichneter Held seines Heimatlands (Stichwort Solidarnosc!), was die zahlreichen Orden in seinem Regal und auf seinem Schreibtisch offenkundig machen. Letzterer, Jan Czarlewski, ist ein junger Mann mit grosser Brille und dunkler Mähne, der ein paar Tage in Brüssel verbringt mit dem Ziel, seinem Vater näherzukommen, und der zum Scheitern verurteilten Hoffnung, die Zeit nachzuholen, in der er als Kind und Jugendlicher seinen Vater vermisste.

Wir als Zuschauer purzeln buchstäblich in die Geschichte hinein – mit eigenwilligen Bildausschnitten, einer verwackelten Kamera, mitunter im düsteren Halbdunkel und hie und da einer Stimme aus dem Off ... Wir sehen den Vater – vor allem bei seinen Tätigkeiten im Büro. Und wir sehen den Sohn: wartend vor der geschlossenen Tür, allein am gedeckten Banketttisch, stumm seinen Kaffee trinkend und immer wieder seinen vielbeschäftigten Vater fragend, worin sein Job denn genau bestehe.

Der sichtlich überarbeitete Botschafter ist eher genervt von der Dauerpräsenz seines filmenden Nachwuchses – die Distanz zwischen den beiden offensichtlich: ein Mann, der sich ein Leben lang hinter seiner Arbeit verschanzt hat, und sein Sohn, der sich seinem Übervater anzunähern sucht. All dies wird sichtbar in 16 aufschlussreichen Minuten, in denen das eindringliche Dokumentarfragment den Finger direkt auf die Wunden einer problematischen Vater-Sohn-Beziehung legt. Berührend, entlarvend, nicht ohne einen Hauch (Selbst-)Ironie.

Am Filmfestival von Locarno 2011 hat das Werk des aus Paris stammenden 23-jährigen ECAL-Studierenden – sein zweiter Kurzfilm, der im Rahmen eines Workshops mit Jean Stéphane Bron (Mais im Bundeshuus) entstanden ist – verdienterweise gleich zwei Auszeichnungen erhalten (Pardino d'oro, Prix «Cinema e Gioventù» du meilleur court métrage CH).

Doris Senn
*1957, Studium der Romanistik, der Euro­päischen Volksliteratur und der Filmwissenschaft. Freie Filmjournalistin sowie seit 2001 Co-Leiterin des schwullesbischen Filmfestivals Pink Apple. Lebt in Zürich.
(Stand: 2017)
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