SIMON MEIER

ALLES EIS DING (ANITA BLUMER)

SELECTION CINEMA

Alles eis Ding erzählt die Geschichte von sechs Schwestern, die mit ihrer dementen Grossmutter am Zürcher Stadtrand leben. Die Eltern sind vor Jahren in einem Unfall verschieden, und so mussten die beiden ältesten Mädchen die Rolle der Eltern einnehmen, eine Aufgabe, die die eine mit ernsthaftem Pflichtbewusstsein angeht, die andere damit, Reissaus zunehmen. Alles eis Ding zeigt mit feinem Humor den soziologischen Mikrokosmos einer nicht ganzen typischen Schweizer Grossfamilie. Wäh­rend die beiden jüngsten Schwestern an der Schwelle zur Pubertät stehen und schon einmal die Leiden und Freuden des Erwachsenwerdens üben wollen, sind die beiden mittleren Schwestern schon lebenserprobte junge Frauen, die ihre Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht vertiefen möchten.

Zu Beginn des Films zieht ein nur Englisch sprechender Reisender in den familiären Mikrokosmos ein, der mit seiner Andersartigkeit die Festgefahrenheit der sozialen Strukturen infrage stellt. Muss alles immer so bleiben wie es ist? Die demente, verwirrte Grossmutter, brillant gespielt von Stéphanie Glaser, hat die Mühen des Lebens scheinbar schon hinter sich. Durch ihre kognitive Abwesenheit stellt sie die grossen Nichtigkeiten des Alltags, die zuweilen zu Riesenelefanten aufgebläht werden, infrage. Ihr Alltag besteht primär noch aus Beweglichkeitstrainings – wunderbar tollpatschig-peinlich umgesetzt – und Fernsehschauen. Glaser zeigt in einem ihrer letzten Filme, worin ihre grosse schauspielerische Stärke lag: Ausdrucksstarke und doch natürlich wirkende Mimik, die so viel Lustigkeit und Vieldeutigkeit in sich vereint, dass Worte oft gar nicht mehr nötig wären. Der Film ist darum auch zu Recht Stéphanie Glaser gewidmet, die Anfang 2011 überraschenderweise verstarb.

Blumers Stilmittel ist das Aufzeigen des Spektakulären im Alltäglichen. Ein Arztbesuch wird so zu einer von Vieldeutigkeit und Absurdität nur so triefenden Situation, in der die ältere Schwester trotz negativer Diagnose darauf beharrt, krank zu sein.

Eine Schwäche der Narration liegt in ihrer unklaren zeitlichen Abfolge. Elliptisch kehrt der Betrachter immer wieder zu den gleichen Situationen des Alltags zurück, die zu wenig variiert werden. Auch wäre manchmal weniger mehr gewesen: Dadurch, dass es insgesamt acht Hauptfiguren gibt, bleiben einzelne davon am Schluss des 64-minütigen Films genau so konturlos wie zu Beginn. Die Produzenten scheinen mit der ursprünglichen Schnittversion von etwa 90 Minuten so unzufrieden gewesen zu sein, dass der Film mit seiner einstündigen Laufzeit nun zwar kurzweilig he­r­überkommt, so manche Nebenhandlung sich dafür aber auch im Nichts verliert.

Simon Meier
*1986, Studium der Ethnologie, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitete von 2007–2013 als Videotheksassistent am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Er lebt in Zürich. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2017)
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