DORIS SENN

MÜRNERS UNIVERSUM (JONAS MEIER)

SELECTION CINEMA

Es beginnt mit einer schummrigen Untertasse auf einem Fernsehbildschirm, davor Erwin Mürner mit schütterem weissem Haar. Erwin ist 77, und seine Leidenschaft gilt den Ausserirdischen: Nicht nur türmen sich in der kleinen Wohnung, die er mit seiner Frau Sonja teilt, Bücher und Zeitschriften zum Thema – er träumt auch davon, einen Film über seine persönliche Begegnung mit den Aliens zu machen. Nun ist daraus ein Film über ihn geworden: darüber, wie Erwin mit seiner Kamera nachmittags den Himmel einfängt und nicht weniger als drei ominöse Punkte mit «Energieschirm» festhält – darüber, wie er seine Theorien über den Urknall ausbreitet und mit einem stachligen, roten Massageball in seinem Arbeitszimmer den Flug eines UFOs nachahmt.

Der Regisseur Jonas Meier, der auch für Drehbuch, Kamera und Schnitt von Mürners Universum zeichnet, fand den «kurrligen» Senioren in Winterthur, wo er selbst lebt. Nach einer Ausbildung an der HGK Luzern und einer Reihe von Werbefilmen und Musikvideos, die bereits von seinem schrägen Humor und seiner originellen Ästhetik geprägt waren, ist dies nun Meiers erster langer Dokumentarfilm. Der Filmemacher überlässt die Bühne dem liebenswerten Amateur-Ufologen – und manchmal dessen Frau Sonja. Sie hat so ihre liebe Mühe mit ihrem Erwin und seinem ausufernden Hobby. Und doch lässt sie ihn gewähren, stellt sich manchmal selbst hinter die Kamera oder zieht sich resigniert mit ihrem Akkordeon aufs Bett zurück, weil das noch der einzige freie Platz in der Wohnung ist.

Mürners Universum ist ein Film über das Alter und die Einsamkeit, über schweizerische Biederkeit und eine (unschweizerisch) grosse Passion. Jonas Meier fängt dies alles mit einem erfrischenden Sinn für Details und Situationskomik und einem Flair für überraschende Bildkompositionen ein. Auch versteht er es, das Aufregende, Schöne und Eigentümliche im absolut Unscheinbaren zu entdecken – vom Schüttstein über die Zimmerpflanze bis hin zur Küchenuhr, deren Sekundenzeiger nicht vom Fleck kommt. Mit seinen lakonischen Bildern begibt er sich damit auf eine ähnlich bestechende Gratwanderung zwischen groteskem Humor und existenziellem Tiefgang wie der renommierte schwedische Regisseur und Werbefilmer Roy Andersson (Songs From the Second Floor, S 2000).

Mürners Universum ist ein kurzweiliges Porträt über einen wunderlichen Zeitgenossen, dessen grosser Traum es ist, einen UFO-Film zu realisieren und damit um die Welt zu reisen. Was nun durchaus wahr werden könnte – wenn auch in einem etwas anderen Sinn: Dem kleinen dokumentarischen Juwel aus der Hand von Jonas Meier dürfte Kultstatus zuteil werden – sowohl im Kino als auch auf der internationalen Festivalkarriere, die der Film mit Sicherheit vor sich hat.

Doris Senn
*1957, Studium der Romanistik, der Euro­päischen Volksliteratur und der Filmwissenschaft. Freie Filmjournalistin sowie seit 2001 Co-Leiterin des schwullesbischen Filmfestivals Pink Apple. Lebt in Zürich.
(Stand: 2017)
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