NATALIE BÖHLER

FILM SOCIALISME (JEAN-LUC GODARD)

SELECTION CINEMA

Ein Kreuzfahrtschiff auf dem Mittelmeer: Gleich zu Beginn taucht Jean-Luc Godards Film Socialisme ein in ein Stimmen- und Sprachengewirr einer bunt zusammengewürfelten Menschenmenge. Dazwischengeschnitten sind Aufnahmen von Fischen unter Wasser und von der schäumenden Gischt. Das Meer ist eine sprachlose, ruhige Sphäre, die mit dem Trubel kontrastiert. Mit seinen heterogenen Passagieren spiegelt das Schiff als Mikrokosmos den Makrokosmos Europa wider und wird zur Parabel für politische Entwicklungen: Wohin steuert Europa?

Das Schiff macht Halt in Ägypten, Palästina, Odessa, Griechenland, Neapel und Barcelona. Parallel findet eine Reise durch die teils wahren, teils erfundenen Mythen statt, die diese Orte begleiten. Sie sind kulturelle Knotenpunkte und rufen zugleich Bilder von Krieg und Zerstörung hervor. Godard mischt Archivaufnahmen mit neu gedrehten Sequenzen und stellt den Nahostkonflikt neben Bilder von antiken und altägyptischen Bauten, die Ruinen von Pompeji, die Treppensequenz aus Panzerkreuzer Potemkin (Sergei M. Eisenstein, SU 1925) und eine sozialistische Demonstration in Barcelona.

Ein weiterer Erzählstrang spielt in Südfrankreich. Zwei Kinder ziehen ihre Eltern über die Werte der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zur Rechenschaft. Neben der Vergangenheit und der Gegenwart Europas kommt hier die Zukunft zur Sprache, weil die Kinder eine Reflexion der Ideologien fordern.

Film Socialisme ist ein Essay, der mehrere Themen- und Motivstränge zu einer Collage aus Bildern, Musik, Dialogen und Zitaten verwebt. Wie der Film werden damit auch das Europa, das er entwirft, und die Geschichte des Kontinents zum Palimpsest. Die übereinandergeschichteten Bedeutungen lassen sich je nach Interpretation und Assoziation verschieden lesen. Die Montage verfährt dabei nach dem Prinzip der Dissoziation: Der Ton bricht mit dem Bild, die Musik schwillt abrupt an und ab, der Wind knallt im ungeschützten Mikrofon, das Videobild zerfällt teils in Pixel – Erweiterungen filmischer Verfremdungs­tech­niken, die Godard seit Längerem pflegt. Die Bilder werden dadurch hinterfragbar: Wer macht sie, und welchen Aussagegehalt haben sie? Ist ihnen zu trauen? Nicht zufällig wird das Bildermachen laufend thematisiert; die Figuren fotografieren und filmen ständig.

Was der Film genau anprangert und vorschlägt, bleibt bei aller Eigenwilligkeit der Form und ihrem politischen Anspruch vage. Film Socialisme wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet, und wirkt wie ein Pamphlet ohne explizite Forderung, was verwirrend sein kann oder auch eine Herausforderung – wer zuschaut, muss sich aus der grossen Menge von Sinnangeboten assoziativ seinen je eigenen Film ersehen.

Natalie Böhler
Filmwissenschaftlerin, lebt in Zürich. Mitglied der CINEMA-Redaktion 2002-2007. Promotion zu Nationalismus im zeitgenössischen thailändischen Film. Interessenschwerpunkte: World Cinema, Südostasiatischer Film, Geister im Film.
(Stand: 2016)
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