VERONIKA GROB

COMPLICES (FRÉDÉRIC MERMOUD)

SELECTION CINEMA

Am Ufer der Rhone wird die brutal zusammengeschlagene Leiche eines jungen Mannes gefunden – Schnitt auf den charismatischen, sehr lebendigen Vincent, der im Internetcafé die Schülerin Rebecca anspricht. Die beiden werden bald ein Liebespaar.

Während die Kommissare Hervé Cagnan und Karine Mangin im Mordfall ermitteln, wird in einem zweiten Handlungsstrang zurückgeblendet auf die letzten Monate, die das Opfer mit seiner verschwundenen Freundin verlebte. Vincent und Rebecca sind unbeschwert verliebt, bis er ihr gesteht, dass er sein Geld als Stricher verdient. Rebecca ist verunsichert, muss dies erst verdauen, doch Vincent ist ihre grosse Liebe. Sie begleitet ihn von nun an sogar zu seinen Freiern. Bis die Sache aus dem Ruder läuft. Um an Geld für den Ausstieg zu kommen, lassen sich die beiden auf ein gefährliches Spiel ein – sie erpressen einen Freier.

Partner, «Complices», sind aber nicht nur Vincent und Rebecca als Erpresser, sondern auch die ermittelnden Polizisten Cagnan und Mangin. Die Endvierziger sind beide Single und einsam, teilen zwar die Zigarette und treiben gemeinsam Sport, suchen ihr Glück aber lieber vergeblich im Internet als im realen Leben. Je mehr sie im Laufe ihrer Nachforschungen von der unbeschwerten grossen Liebe des jugendlichen Paares erfahren, umso mehr werden sie auf sich selbst zurückgeworfen.

Frédéric Mermouds Debütfilm Complices ist zwar ein Krimi, aber einer der sich nicht so sehr auf den Plot, als vielmehr auf seine Figuren, die beiden Paare, konzentriert. Spiegelbildlich laufen die zwei Handlungsstränge gegeneinander, der eine kühl, distanziert und in Grautönen, der andere verspielt, überbordend farbig und erotisch. Dabei konnte der Regisseur ein herausragendes Schauspielerensemble verpflichten. Die junge Nina Meurisse hat Mermoud schon in seinem Kurzfilm L’éscalier entdeckt, der 2003 den Schweizer Filmpreis gewonnen hat. Daneben spielen die französischen Schauspieler Gilbert Melki und Emmanuelle Devos das unterkühlte Ermittlerpaar.

Complices lief als einziger Schweizer Bei- ­trag im internationalen Wettbewerb des Filmfestivals Locarno. Dort hörte man oft die Kritik, dass Complices nicht über eine solide Fernsehproduktion hinauskomme. Das liegt wohl weniger am Konzept, sondern hat viel mehr mit dem Genre des Krimis zu tun, das man vorwiegend aus der Flimmerkiste kennt, sowie mit einem konventionellen, kitschig über­höhtem Schluss, der keine Fragen offenlässt. Man kann diese «Fernsehkritik» aber auch ins Positive wenden, denn Complices bietet intel­li­gent strukturierte Spannung und neben ei­ner erfrischenden, kompromisslosen jugendlichen Liebesgeschichte ein Ermittlerpaar, das man jederzeit gerne wiedersehen würde.

Veronika Grob
*1971, Studium der Literaturwissenschaften, arbeitet in der Filmredaktion des Schweizer Fernsehens. Sie ist Vorstandspräsidentin des Kinos Xenix und in der Fachkommission Spielfilm der Zürcher Filmstiftung. Mitglied der CINEMA-Redaktion von 2002–2007.
(Stand: 2011)
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