CHRISTINA VON LEDEBUR

DIE STANDESBEAMTIN (MICHA LEWINSKY)

SELECTION CINEMA

Die Standesbeamtin Rahel trifft in einer Buchhandlung ihres Heimatstädtchens ihren alten Freund Ben wieder. Obwohl sie früher zusammen in einer Band spielten und sich sehr nahe standen, haben die beiden sich aus den Augen verloren. Ben ist inzwischen ein bekannter Musiker in Berlin und seit Kurzem mit der exzentrischen deutschen Schauspielerin Tinka verlobt, Rahel ist Mutter eines Teenagers, von dessen Vater sie sich mehr und mehr entfremdet. Rahel fühlt sich rasch wieder zu Ben hingezogen, in den sie schliesslich einmal verliebt war, damals, bevor sie schwanger wurde. Doch für Liebesgefühle gibt es nur wenig Platz, denn Ben möchte, dass Rahel ihn und Tinka traut. Rahel versucht, sich aus der Sache herauszureden, wird aber zu dieser Trauung verdonnert. Ihr Chef verspricht sich nämlich von der Prominentenhochzeit gute Werbung für die Gemeinde. Die Hochzeitsvorbereitungen beginnen und auf einmal merken Ben und Rahel, wie viel sie noch immer verbindet. Doch keiner der beiden hat den Mut, zu den neu aufkeimenden Gefühlen zu stehen. Und so sitzen sie sich schon bald auf dem Standesamt gegenüber.

Die Standesbeamtin stammt aus der Feder von Micha Lewinsky, dem Drehbuchautor von Sternenberg (Christoph Schaub, CH 2004) und Ko-Autor von Little Girl Blue (Anna Luif, CH/D 2003). Nach seinem Regieerstling, dem preisgekrönten Kurzfilm Herr Goldstein (CH 2005) legte der Zürcher 2008 mit Ein Freund sein Langspielfilmdebüt vor. Die gelungene Mischung aus Tragödie und Komödie gewann den Schweizer Filmpreis QUARTZ.

Mit Die Standesbeamtin hat sich Lewinsky, zumindest was das Genre angeht, auf sichereres Terrain begeben: Der Film ist eine romantische Komödie, wie sie im Buche steht. Dass die Geschichte von Lewinksy und Ko-Autor Jann Preuss trotz absehbarem Ausgang gut zu unterhalten vermag, ist den witzigen Dialogen, der bestechenden Situationsko­mik, sowie der Besetzung zu verdanken. Die Theaterschauspielerin Marie Leuenberger, die – bis auf einen Kurzauftritt in Reto Caffis Kurzfilm Auf der Strecke (CH 2008) – zum ersten Mal auf der Leinwand zu sehen ist und der mit dem Filmpreis ausgezeichnete Dominique Jann (Luftbusiness, Dominique de Rivaz, CH/LU 2008) geben ein äusserst glaubwürdiges Paar ab. Zu ihnen gesellt sich Oriana Schrage, Lewinskys Frau, die die zickige, aber verletzliche Zweitplazierte hervorragend spielt. Als Rahels Chef schliesslich ist sich Beat Schlatter nicht zu schade, den oberspiessigen SVPler zu geben. Ähnlich wie in Der Freund spielt auch in Die Standesbeamtin die Musik eine grosse Rolle. Markus Schönholzer und Marcel Vaid, beide schon bei früheren Produk­tionen von Lewinsky dabei, zeichnen für den Soundtrack.

Christina Von Ledebur
*1975, Studium der Romanistik, Anglistik und Filmwissenschaft in Zürich. Film- und Serienredaktorin beim Schweizer Fernsehen.
(Stand: 2017)
[© cinemabuch – seit über 60 Jahren mit Beiträgen zum Schweizer Film  ]