NATHALIE JANCSO

FANTOCHE — DIE INTERNATIONALE TRICKFILMSCHAU DER SCHWEIZ

CH-FENSTER

Wie ein Trickfilmfestival entsteht

Im Januar 1992 wurde im Zürcher Programmkino Xenix während eines Monats ein umfangreiches Programm mit Animationsfilmen aus aller Welt gezeigt. «Fantoche – der Trickfilm in 100 Beispielen» wurde die grosse Schau genannt – in Anlehnung an die Filmfigur des Trickfilmpioniers Emile Cohl. Frank Braun, der zu der Zeit das Sekretariat des Kinos führte, hatte den Zyklus kuratiert. Die Veranstaltung stand am Anfang einer Schweizer Erfolgsgeschichte: Fantoche, das Internationale Festival für Animationsfilm, das 1995 ins Leben gerufen wurde und bis anhin biennal stattfand, soll ab 2010 jedes Jahr durchgeführt werden – höchste Zeit also, hinter die Kulissen der grössten internationalen Trickfilmschau der Schweiz zu schauen und einige wichtige Fakten zur Festivalgeschichte aufzurollen, mit einem besonderen Augenmerk auf der gegenseitigen Befruchtung von Festival und nationaler Animationsszene. Zu einer mittlerweile gestandenen Kulturinstitution gehört natürlich auch ein Gründungsmythos: Die Geburt von Fantoche soll zwischen Tür und Angel beim Hintereingang des Kinos Xenix stattgefunden haben, wo Frank Braun den Geschichtsstudenten und Journalisten Peter Hossli spontan fragte, ob dieser mit ihm ein Trickfilmfestival auf die Beine stellen wolle. Hossli wollte. Otto Alder, der Braun bei der Zusammenstellung des Xenix-Programms geholfen hatte, wurde ebenfalls fürs Führungsteam gewonnen. Der Schwabe mit Appenzeller Vorfahren hatte bei der Programmierung des Internationalen Trickfilmfestivals Stuttgart bereits einschlägige Erfahrungen gesammelt und wertvolle Kontakte zur internationalen Szene geknüpft. Die Vierte im Bund war Suzanne Buchan. Die Filmwissenschaftlerin mit kanadischen Wurzeln setzte mit ihrem filmhistorischen Wissen inhaltliche Schwerpunkte. Ein professionelles Festival von internationaler Ausstrahlung auf die Beine zu stellen, verlangte von den vier Gründungsmitgliedern vollen Einsatz, den sie neben ihren Brotjobs über Jahre hinweg praktisch ohne finanzielles Entgelt leisteten. Von der Idee bis zum ersten Festival vergingen denn auch fast drei Jahre.

Der Standort war relativ rasch gefunden: Baden – nahe von Zürich und doch mit einer eigenständigen Kulturszene. Die Kleinstadt bot sich auch deshalb an, weil Peter Hossli als Badener gute Kontakte zur Kino-Dynastie Sterk vor Ort pflegte. Dank der Familie Sterk verfügt Baden-Wettingen über ein für Schweizer Kleinstadtverhältnisse überdurchschnittlich gutes Angebot an Kinosälen und -infrastruktur. Im Weiteren sprach ein grosses Angebot an Hotelzimmern für die Bäderstadt. Auch erste Gespräche mit dem Badener Stadtrat verliefen positiv, sodass ein Fundament für eine gemeinsame animierte Zukunft gegeben war. Und auch wenn die Spielstätten häufig gewechselt wurden und die Suche nach einem festen Festivalzentrum bis 2009 weiterging, hat sich Baden als Austragungsort von Fantoche bis heute bewährt.1 In Baden wird man zwar nie George Clooney beim Cüpli-Trinken und Flirten beobachten können, aber für die wahren Liebhaber des Animationsfilms ist es wohl ein vergleichbares Erlebnis, wenn sie ein T-Shirt von Aardman-Mitbegründer Richard Goleszowski signiert bekommen, die Brothers Quay am Nebentisch diskutieren sehen oder Paul Aichele begegnen, einem Pixar-Mitarbeiter der ersten Stunde, der als Character-Modeler an Erfolgs-Filmen wie Toy Story (USA 1995), Monsters Inc. (USA 2001) oder Finding Nemo (USA 2003) beteiligt und 2009 für eine Präsentation des neuesten Pixar-Streifens Up (USA 2009) am Fantoche anwesend war.

Neben der Suche nach dem Standort war der grösste Knackpunkt für die Festivalmacher sicher die Geldbeschaffung, schliesslich sollte das Budget von Anfang an der angestrebten professionellen Ausrichtung angemessen sein. Die Finanzierung wurde bei der ersten Festivalausgabe 1995 dadurch erschwert, dass in der Schweiz Gelder für kulturelle Veranstaltungen aus gemeinnützigen und öffentlichen Quellen in der Regel erst gesprochen werden, wenn ein Leistungsnachweis erbracht wird, im Fall von Fantoche also ein erstes Festival stattgefunden hat. Beim Bundesamt für Kultur (BAK), das normalerweise nicht vor der dritten Ausgabe eines Festivals Unterstützung zusagt, machte man bei Fantoche eine Ausnahme und sprach schon ab 1997, dem zweiten Festival, einen Beitrag. Ausschlaggebend dafür war sicher, dass die Bedeutung der Animation Ende der 1990er-Jahre durch die grossen Veränderungen der Kinolandschaft in Bezug auf Produktion und Auswertung – Digitalisierung, CGI (Computer Generated Imagery), Bildverarbeitung – immer stärker wurde. Neben der öffentlichen Hand (Baden, Kanton Aargau, Bund) war und ist das Festival auf Sponsoren und Stiftungen angewiesen. Beim ersten Fantoche belief sich das Zweijahres-Budget auf 400 000 Franken, 2009 stand ein Betrag von 1,8 Millionen zur Verfügung. Die Notwendigkeit dieser sukzessiven Steigerung liegt wohl vor allem in der stets vorangetriebenen Professionalisierung – sei diese struktureller, administrativer oder inhaltlicher Art – begründet. Doch trotz der stetigen Budgeterhöhung konnten bis 1999 keine regulären Löhne ausgezahlt werden (auch nicht für die vier Gründungsmitglieder).

2001 fand kein Festival statt. Ein wichtiger Grund war, dass die drei verbleibenden Gründungsmitglieder – Peter Hossli war bereits 1999 nicht mehr dabei – einsehen mussten, dass der enorme Aufwand ohne klare finanzielle Absicherung nicht mehr tragbar war. Die Verhandlungen mit der Stadt Baden über einen mehrjährigen Leistungsvertrag waren zu diesem Zeitpunkt zwar in Gange, aber noch nicht erfolgreich abgeschlossen. Darum zogen die drei die Konsequenzen und liessen die Ausgabe 2001 ausfallen. Der Vertrag mit Baden kam dann 2002 zustande und diente für die weitere Zukunft des Festivals als eine Art Garantie.

Nach der Zäsur ging es 2003 mit neuem Elan und vor allem neuen Strukturen weiter: Eine bezahlte 80%-Stelle für die administrative Leitung wurde geschaffen, die von Duscha Kistler übernommen wurde. Die inhaltliche Verantwortung lag weiterhin bei Frank Braun, Otto Alder und Suzanne Buchan. 2005 wurde eine künstlerische Leitung ausgeschrieben und während eines Festivals mit Thomas Basgier besetzt. Frank Braun wurde Direktor, Otto Alder und Suzanne Buchan zogen sich aus der Leitung zurück, blieben dem Festival aber in der Auswahlkommission des Wettbewerbs bzw. als Kuratorin für Spezialprogramme erhalten. Peter Hossli hatte sich, wie gesagt, bereits 1999 verabschiedet – er war nach New York ausgewandert – betreute aber bis 2003 das Kurzprogramm und ist heute noch gern gesehener Gast-Moderator.

2007 kam eine zweite 80%-Stelle dazu. Duscha Kistler übernahm die künstlerische Leitung und Andrea Freund wurde administrative Leiterin. Diese Doppel-Leitung hat sich bewährt. Für die Ausgabe 2010 ist neu eine 50%-Stelle für die Kommunikation besetzt worden, weitere Stellen sind längerfristig geplant. Trotz der professionalisierten Leitungsstruktur ist Fantoche, wie andere Filmfestival auch, während der Festivaltage auf eine grosse Schar von freiwilligen Helfern angewiesen, die für ein kleines Entgelt oder auch nur kostenlose Eintritte und Essensbons arbeiten.

Das bereits erwähnte Budget von 1,8 Millionen Franken, das für die Pha­­se 2008–2009 zur Verfügung stand, wird etwas fassbarer, wenn man den Vergleich mit Locarno macht: Dem grössten und renommiertesten Festival der Schweiz stand 2009 ein Budget von 11,3 Millionen Franken zu Verfügung.

Die Schweizer Szene

Den vier Fantoche-Machern war von Anfang an klar, dass das Gelingen eines Schweizer Trickfilmfestivals vom guten Kontakt zur Szene im eigenen Land abhängt. Die Präsentation der neuesten Werke des Schweizer Animationsfilms war stets ein wichtiger Bestandteil von Fantoche. Anfang der Neunzigerjahre gab es vor allem in der Westschweiz eine aktive Trickfilmszene, was mit der starken französischen Trickfilm- und Comic-Tradition, aber auch der schon da­­mals grossen Strahlkraft des noch jungen Animationsfilmfestivals in Annecy zusammenhing. Die vier Festivalgründer machten sich deshalb 1993 auf in die Westschweiz, wo sie unter anderem das Studio GDS von Georges Schwizgebel, das Cinéma Spoutnik und den Filmemacher Nag Ansorge besuchten. Braun erinnert sich, dass die vier aus der Deutschschweiz beim ersten Treffen noch etwas belächelt wurden, doch schon bald schweisste die gemeinsame Begeisterung für Animation die versierten Filmemacher und die Festivalleitung in spe zusammen. Der international renommierte Animationsfilmer Georges Schwizgebel war seither an jeder Ausgabe von Fantoche mit mindestens einem Film vertreten. Unverkennbar sind seine in der Malerei verankerten Arbeiten, diese mit starken Pinselstrichen ohne Schnitt von einem Bild ins nächste fliessenden Animationen, die stets von klassischer Musik unterlegt sind. Auch Filme von Nag Ansorge tauchen immer wieder im Fantoche-Programm auf: Er war der Mitbegründer der Schweizer Trickfilmgruppe und gemeinsam mit seiner Frau Gisèle ein Pionier der Sand-Animation. In den Sechzigerjahren konnten die beiden in Paris ausstellen und wurden dort als Erneuerer gefeiert, die die Animation als eigenständige Kunstform innerhalb der Filmwelt zu etablieren halfen.

Neben den bereits anerkannten, unabhängig oder in Studios arbeitenden Künstlern, haben die Macher von Fantoche auch immer auf eine repräsentative Auswahl von Schul- und Diplomfilmen Wert gelegt. Die Animationsausbildung an den Schweizer Film- und Kunstschulen, ob in Zürich, Bern, Basel, Genf oder Lausanne war Anfang der Neunzigerjahre noch in den Kinderschuhen. Es gab Module, in denen den Filmstudenten die Grundlagen des Trickfilmhandwerks beigebracht wurden, aber keine Studienrichtungen, die sich nur mit Animation befassten wie sie heute an der Hochschule Luzern – Design und Kunst (HSLU) – angeboten wird. Dieser Umstand erklärt wohl auch, weshalb bei den ersten Ausgaben von Fantoche noch häufig Namen von heute bekannten Schweizer Spielfilmregisseuren und -regisseurinnen in der Sektion «Neue Filme» auftauchen: So machten Bettina Oberli, Alain Gsponer oder Carla Lia Monti Erfahrungen mit dem Medium Animation, bevor sie mit den Langspielfilmen Herbst­zeit­losen (CH 2006), Das wahre Leben (D 2006) und Räuberinnen (CH 2009) ei­nem grossen Publikum bekannt wurden. Grundkenntnisse in der Animation können für zukünftige Regisseure sicherlich hilfreich sein, sind doch heute Special Effects und digitale Bearbeitungen in jedem TV-Krimi gang und gäbe.

Wenn man die Programme von Fantoche durchblättert, fällt auf, dass einige junge Künstler immer wieder in den verschiedensten Sektionen mit Arbeiten präsent sind. Sie haben sich sozusagen parallel zum Festival und wohl auch dank des Festivals stetig entwickelt und gehören heute zur bereits etablierten Schweizer Szene: Etwa Claudius Gentinetta aus Zürich, der Luzerner Jonas Raeber, der Genfer Zoltan Horváth oder Claude Barras aus Sierre. Sie produzieren ihre Filme selber, wie etwa Gentinetta, oder versuchen sich als unabhängige Produzenten zu behaupten, wie Raeber und Horvath, die eigene Trickfilmstudios betreiben. Es gibt in der Schweiz nur wenige Produzenten von Spiel- und Dokumentarfilmen, die sich regelmässig auch an Trickfilmprojekte wagen, denn immer noch sind diese kommerziell wenig lukrativ und anspruchsvoll, was die Länge der Produktionszeit angeht. Der Flop des teuersten Schweizer Films aller Zeiten, des langen Animationsfilms Max & Co. (CH 2007) der Gebrüder Guillaume, hat die Branche eher vorsichtiger gemacht, was die Unterstützung und Produktion von grösseren und ambitionierteren Trickfilmprojekten angeht. In der doch eher kleinen, übersichtlichen Schweizer Szene hat sich eine überraschende Vielfalt von Stilen und inhaltlichen Ausrichtungen entwickelt: Während Gentinetta mit kräftigem Strich in einem holzschnittartigen Stil, den er auch in seinen Comics pflegt, seine skurrilen Geschichten ohne Worte erzählt (zuletzt Die Seilbahn, CH 2008), macht Raeber satirische und politische Filme im eher klassischen Cartoon-Stil – etwa die im Schweizer Fernsehen ausgestrahlte Polit-Satire W.O.W. (CH 2006). Claude Barras und sein Mit-Animator Cédric Louis haben sich mit ihren originellen Puppenanimationen, die jeweils ohne Dialog von den Nöten und Sorgen ihrer kleinen dicklich-unförmigen Figuren sprechen, einen Namen gemacht – zum Beispiel mit Banquise (CH 2006), der sogar in der Kurzfilm-Auswahl am Festival in Cannes 2006 vertreten war. Einen sehr eigenen Zeichenstil hat auch Isabelle Favez im Lauf der Jahre entwickelt: Zweidimensional flach bewegen sich ihre Figuren durch eine Welt voller liebevoll gemalter Muster und detailreich gestalteter Settings. Neben Altmeister Georges Schwizgebel, der am Fantoche 09 für seinen Retouches den Hauptpreis des Schweizer Wettbewerbs (ex aequo mit Rafael Sommerhalder) gewann, ist Favez unangefochtene Spitzenreiterin bei den von Fantoche ausgewählten Schweizer Filmen – sie war an jeder Ausgabe mit mindestens einem Film dabei. 1995 war Lebenshunger, der erste Trickfilm der damals erst 21-jährigen Bernerin, im Schweizer Programm zu sehen, in der jüngsten Ausgabe war sie mit Valise im Schweizer Wettbewerb vertreten. Rafael Sommerhalder, der sich am Fantoche 2009 mit seiner wunderbar simpel-absurden Strichzeichnung Flowerpots den Hauptpreis mit Schwizgebel teilte, oder auch Maja Gehrig, die für ihre provokativ-erotische Puppenanimation Amourette im Schweizer Wettbewerb 2009 eine «Special Mention» bekam, sind Namen, die man sich merken muss und die man wohl auch zukünftig im Programm von Fantoche entdecken wird.

Fantoche ist ohne Frage eine wichtige Plattform für den Schweizer Animationsfilm, weil es sowohl kurze wie auch mittellange Animationen ausserhalb des Festival-Circuit schwer haben, überhaupt ein Publikum zu erreichen. Durch die vermehrte Präsenz der Filme in Baden wurden nationale Verleiher auf diese spannende Filmform aufmerksam, und es gelangten in den letzten Jahren immer wieder kurze Trickfilme als Vorfilme ins reguläre Kinoprogramm: So war etwa Claudius Gentinettas Die Seilbahn vor Christoph Schaubs Happy New Year (CH 2008) zu sehen, Isabelle Favez Tarte aux pommes (CH 2006) wurde vom Filmverleih Frenetic Films eingekauft und ihr neuester Film Valise wird von der Filmcoopi vor dem Spielfilm Der Fürsorger (Lutz Konermann, CH 2009) ins Kino gebracht. Das Schweizer Fernsehen zeigt jeweils im Vorfeld des Festivals in der Sendung «Delikatessen» eine kleine Auswahl von kurzen Animationen aus dem In- und Ausland als Einstimmung aufs Festival. Und auch die Festivalrolle «Best of», die nach Ende von Fantoche durch die Off-Kinos des Landes tourt, bringt das Trickfilmschaffen einem grösseren Publikum näher.

Seit 2003 an der Hochschule Luzern – Design und Kunst eine eigene Trickfilmabteilung gegründet wurde, hat sich der Output an einheimischen Trickfilmen spürbar verstärkt. Immer mehr Filme junger Künstler drängen auf die Leinwände im In- und Ausland. Dass Fantoche ein Verdienst in dieser Entwicklung zukommt, ist unbestritten, und die gegenseitige Befruchtung von Trickfilmszene und Festival geht weiter. Für die Ausgabe von 2009 wurde erstmals ein jurierter Wettbewerb für den Schweizer Film ins Leben gerufen, was junge, aber auch arrivierte Trickfilmer anspornen wird, ihre Werke am Festival zu zeigen. Schweizer Filme können dabei sowohl für den Schweizer wie auch für den internationalen Wettbewerb eingereicht und auch ausgewählt werden.

Die ganze Welt ist animiert

Die nationale Szene ist als Fundament für die grösste Trickfilmschau, die in der Schweiz stattfindet, wohl wichtig, doch schon bei der Gründung stand fest, dass Fantoche, wie sein Name schon sagt, ein «Internationales Festival des Anima­tionsfilms» werden und damit Filmemacher und Filme aus der ganzen Welt anziehen soll. Gemäss Frank Braun war Fantoche schon immer in der glücklichen Lage, dass die Festivalleitung – trotz aller finanzieller Abhängigkeit von Sponsoren, Kanton, Bund und sonstigen Geldgebern – was die kreativen und programmlichen Entscheide betraf, stets freie Hand hatte. Neben der nationalen Werkschau und dem internationalen Wettbewerb legten die Fantoche-Macher von Anfang an grossen Wert auf thematische Programme. Die guten Kontakte zur internationalen Szene, die vor allem Otto Alder (in Osteuropa) und Suzanne Buchan (im anglo-amerikanischen Raum) mitbrachten, waren ein Segen für das Festival: Gleich in der ersten Ausgabe konnten unvergessene und prägende Schwerpunkte gesetzt werden. Im «Fenster Osteuropa» war die umfangreichste Präsentation des post-kommunistischen Animationsfilmschaffens von Estland zu bestaunen, darunter eine Retrospektive mit allen Filmen von Priit Pärn. Die estnischen Filmemacher sind mit ihren subtil politischen, teils höchst absurden, teils poetischen Puppentrick- und Zeichenanimationen auf internationalen Animationsfilmfestivals gern gesehene Gäste und am Fantoche begegnete man den Esten, etwa Janno Pöldma oder Marti Kütt, auch später immer mal wieder.

Als weiterer Schwerpunkt blieben 1995 die beiden Werkschauen dreier britischer Künstler, die gegensätzlicher nicht sein könnten, im Gedächtnis: Richard Goleszowski und die Gebrüder Quay. Goleszowski arbeitete in den Achtziger- und Neunzigerjahren bei Aardman Animation und war dort für bahnbrechende Animationen wie den Musikvideo-Clip zu Peter Gabriels Sledgehammer (GB 1986) und die surreale Trickfilm-Serie Rex the Runt (GB 1990/91) – die mit dem flachen Hund – verantwortlich. Später führte er Regie bei der Creature-Comforts-Serie (GB 2003-2005) und der weltbekannten Kinderserie Shaun the Sheep (GB 2007). Mit typisch britischem Humor erzählt er in seinen Filmen von Welten, die aus den Fugen geraten. Ein starker Kontrast dazu sind die animierten Welten der Gebrüder Stephen und Timothy Quay: Ihre poetischen Filme sind fast nur als Metaphern lesbar, in ihren visuell atemberaubenden Universen lassen sie Puppenfiguren und Objekte durch kafkaeske Geschichten wandeln – und verblüffen und verzaubern damit das Publikum.

Eine erschöpfende Aufzählung all der Entdeckungen, die in den Retro­spektiven und Spezialprogrammen über die Jahre gemacht werden konnten, ist an dieser Stelle nicht möglich. Die Vielfalt lässt sich auch an simplen Zahlen erahnen: Für den internationalen Wettbewerb, das Herzstück des Festivals, werden jeweils Filme aus bis zu 50 verschiedenen Produktionsländern eingereicht. Die traditionell starken Animationsfilm-Länder wie Grossbritannien, die USA, Frankreich, Japan und Russland gehören dabei wohl immer zu den Spitzenreitern, was die Anzahl Filme betrifft, aber man kann im Fantoche-Wettbewerb auch durchaus auf ein Werk aus Chile, Zypern oder Tansania treffen. Neben den eigentlichen Filmprogrammen sind die vielfältigen Rahmenprogramme eine weitere Stärke von Fantoche. Podiumsgespräche zu unterschiedlichsten Themen, Workshops, Ausstellungen und andere Veranstaltungen, in denen die Animation mit anderen Kunstformen in Verbindung gebracht wird, gehören zu den reizvollen Erlebnissen eines jeden Fantoche-Besuchs. Künstler verschiedenster Couleur berichten von ihrer Arbeit oder das Publikum hat die Möglichkeit, sie direkt dabei zu beobachten. So hat etwa ein experimenteller Kurzfilm des italienischen Graffiti- und Strassenkünstlers BLU in Baden seinen Anfang genommen: 2007 konnten die Festivalbesucher dabei sein, wie BLU an die nack­ten Wände des «Trafohäuschen» unterhalb des damaligen Festivalzentrums in tagelanger Arbeit unzählige Bilder über- und nebeneinander malte und diese im Stop-Motion-Verfahren ablichtete. Später kombinierte er die Bilder mit einer weiteren Graffiti-Serie, die er auf einer Mauer in Buenos Aires gesprayt hatte. entstanden ist der Graffiti-Animationsfilm Muto (IT 2008), der am Fan­toche 2009 im Wettbewerb gezeigt wurde und prompt den Publikumspreis errang.2

Ausblick: jährlich in die Zukunft

Als das Bundesamt für Kultur 2008 seine finanzielle Unterstützung von Filmfestivals für die nächsten drei Jahre festlegte, wurde Fantoche in die Kategorie «Un certain regard» eingestuft, das heisst als Festival-Nachwuchshoffnung. Der jährliche Beitrag wurde von 70 000 auf 75 000 Franken erhöht. Die Erhöhung scheint eher symbolisch und der Beitrag letztendlich immer noch disproportional zu Aufwand und Budget – aber die Anerkennung ist da und Ansporn für die neu jährlich stattfindende Ausgabe. 2009 bekam Fantoche erstmals auch Media-Unterstützung. Um diese europäischen Gelder zu erhalten, muss erwiesen sein, dass ein Festival europäisch relevant ist, also ein grosser Anteil der Filme von Filmemachern aus der EU stammen. Weil Duscha Kistler, die künstlerische Leiterin von Fantoche, drei afrikanische Programme plante, musste sie darauf achten, dass in den übrigen Programmblöcken und Rahmenprogrammen genügend «Europäer» gezeigt wurden – so wurden etwa zwei europäische Filmschulen vorgestellt. Die Wettbewerbsauswahl blieb von dieser Quote verschont.

Die Finanzierung sicherzustellen wird weiterhin ein aufwendiges Traktandum in der Festivalvorbereitung bleiben. Von der Entscheidung, dass Festival von 2009 an jährlich auf die Beine zu stellen, erhofft Kistler sich vor allem eine Vereinfachung der administrativen Abläufe. Auch Sponsoren lassen sich eher auf ein jährlich wiederkehrendes Event verpflichten. Die Aufstockung der Manpower mit der bereits erwähnten 50-Prozent Kommunikationsstelle und die Arbeit mit einem eingespielten Team werden die Abläufe ebenfalls vereinfachen.

Auf inhaltlicher Ebene hat Kistler im Hinblick auf die neue jährliche Ausrichtung bereits sanfte Neuerungen eingeleitet: Wer als Zuschauer an früheren Festivalausgaben auf eher leicht Kost setzte und sich vor Experimenten scheute, setzte sich in ein Programm der «World Wide Hits» (ehemals «Best of the World») und konnte sich zurücklehnen, da die dort gezeigten preisgekrönten Werke renommierter Meister bereits publikumserprobt waren. 2009 wurde diese beliebte Kategorie abgeschafft und in den Wettbewerb inkorporiert. Auf den ersten Blick wurde damit ein sicherer Publikumswert gestrichen, aber auf den zweiten Blick war das eine gute Entscheidung: Dadurch wurde nämlich der vorher eher experimentelle, für den Durchschnittsgeschmack «schwierige» Wettbewerb aufgewertet, und das gesamte Programm gestrafft. Denn eines ist klar: Neben der inhaltlichen Überforderung ist auch die schiere Masse der Filme, die am Fantoche gezeigt werden, eine Herausforderung. 2009 wurden insgesamt 224 kurze und lange Animationen gezeigt – im Vergleich dazu: 2005 waren es noch 515! Die Straffung ist Notwendigkeit, wenn das Festival mit gleicher Intensität zum jährlichen Rhythmus wechseln soll. Duscha Kistler vermutet, dass sich die Anzahl der gezeigten Filme ungefähr auf diesem Niveau halten wird. Der Schweizer Wettbewerb, der dieses Jahr mit zwei langen Programmblöcken äusserst präsent war, wird wohl eher auf einen Block schrumpfen. Es wäre eine kleine Sensation, wenn jedes Jahr genügend überzeugende Schweizer Trickfilme produziert würden, um zwei Programme zu füllen. Keine Frage, ein reges Interesse an der Trickfilmschau besteht: Gemäss Pressemeldung besuchten 2009 an den sechs Festivaltagen insgesamt 31 000 Zuschauer das Festival, eine gewaltige Steigerung seit 1995, als es noch knapp 12 000 waren. Damit hat Fantoche fast ebenso viele Zuschauer erreicht, wie das gut finanzierte und lautstark vermarktete Zürich Film Festival, das bei seiner 5. Ausgabe gut 37 000 Zuschauer anlockte. Dabei ist das Fantoche natürlich hauptsächlich auf ein jüngeres und jung gebliebenes Publikum ausgerichtet: Gut 75% aller Zuschauer sind gemäss einer Statistik aus dem Jahr 2007 unter 35 Jahre alt! Doch: Wer einmal mit dem Animations-Virus infiziert ist, wird auch mit fortschreitendem Alter nicht so einfach davon loskommen. Auch wenn diese Zahlen mit Vorsicht zu geniessen sind: Das Festival scheint auf einem soliden Fundament zu stehen und für den Wechsel zum Jahresrhythmus gerüstet zu sein. Man darf also in Baden durchaus ent-, aber auch gespannt in die animierte Zukunft blicken.

Baden ist nicht ein Einzelfall. Der Trend, Filmfestivals in kleinen und mittleren Städten auszurichten, ist in der nationalen und auch in der internationalen Szene zu beobachten: die Solothurner Filmtage, das NIFFF (Neuchâtel International Fantastic Film Festival), das Internationale Filmfestival von Locarno und das Festival International de Films de Fribourg, aber auch das allmächtige Filmfestival von Cannes, alle leben von der einzigartigen Atmosphäre, die eine Kleinstadt zu bieten hat, wenn sie sich während ein paar Tage in ein einziges grosses Festivalzentrum verwandelt.

Muto auf Youtube: http://www.youtube.com/watch?v=uuGaqLT-gO4.

Nathalie Jancso
*1969, Studium der Anglistik, Filmwissenschaft und Germanistik an der Universität Zürich. Arbeitet als Filmredaktorin beim Schweizer Fernsehen und war von 2007 bis 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion.
(Stand: 2013)
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