CHRISTINA VON LEDEBUR

TÉMOIN INDÉSIRABLE (JUAN JOSÉ LOZANO)

SELECTION CINEMA

Wenn sich im kolumbianischen Hinterland die Paramilitärs und die Guerilla einen Kampf liefern, dessen Opfer vor allem die Zivilbevölkerung ist, bekommt das die internationale Öffentlichkeit in der Regel nicht mit. Der unabhängige Journalist Hollman Morris hat es sich zum Ziel gesetzt, dies zu ändern. Er geht da hin, wo andere sich längst nicht mehr hingetrauen, und berichtet in seiner wöchentlichen Fernsehsendung «Contravía» über Kriegsgräuel, Drogendeals und das Leid der Bevölkerung. In den letzten 25 Jahren hat der Krieg zwischen Guerillas und Paramilitärs eine halbe Million Todesopfer gefordert und über vier Millionen Menschen von ihrem Land vertrieben. Für sein Engagement bezahlt Morris aber einen hohen Preis. Er erhält zwar internationale Anerkennung und wurde mehrfach für sein Schaffen ausgezeichnet, aber er lebt in ständiger Angst um seine Frau und seine kleine Tochter, er hat lernen müssen, Todesdrohungen richtig einzuschätzen, und muss stets darauf vorbereitet sein, gegebenenfalls das Land für eine Weile zu verlassen. Die kolumbianische Regierung ignoriert den engagierten Journalisten weitgehend. Regierungssprecher werden nicht müde zu betonen, dass Kolumbien eine Demokratie sei. Morris aber betont, dass eine Demokratie ohne Pressefreiheit keine sein kann und sieht die Tatsache, dass seine Sendung spät nachts ausgestrahlt wird, als eine Form der Zensur.

Mit der Figur des «ungeliebten Zeugen» Hollman Morris hat sich der Filmemacher Juan José Lonzano eine schillernde Persönlichkeit für seinen Dokumentarfilm ausgesucht: Ein Journalist, der zu fast allem bereit ist, um seinen Beruf ausüben zu können, der sich gegen Regierung, Paramilitärs und Guerillas auflehnt und der sich auch durch Todesdrohungen nicht einschüchtern lässt – zwangsläufig wird man an die 2006 ermordete russische Journalistin Anna Politkowskaja erinnert. Mit Entsetzen verfolgt der Zuschauer die von Morris aufgedeckten Gräueltaten, welche Paramilitärs und Guerillas gleichermassen im kolumbianischen Hinterland verüben.

Doch Lonzano porträtiert in Témoin indésirable noch einen anderen Hollman Morris, nämlich den Ehemann und Vater. Diese private Seite von Morris bereichert Lonzanos Film ungemein, denn erst die tiefen Konflikte, die aus der Doppelrolle als Journalist und Familienvater entstehen, lassen einen die Person Morris richtig erfahren. Dem Filmemacher ist es gelungen, einen Helden zu porträtieren, ohne ihn zu verherrlichen. Er zeigt einen komplexen Menschen, der zwischen der Verantwortung gegenüber seiner Familie und der Verantwortung gegenüber seinem Heimatland hin- und hergerissen ist und weder das eine noch das andere aufgeben kann.

Der 1971 in Kolumbien geborene und dort aufgewachsene Juan José Lonzano lebt seit 1998 in Genf, wo er als Filmemacher tätig ist. Sein Heimatland beschäftigte ihn bereits im Film Hasta la última piedra (CH 2006), in der er den Aufbau eines Dorfes zwangsversetzter Landbewohner in der kolumbianischen Region Uraba begleitete.

Christina Von Ledebur
*1975, Studium der Romanistik, Anglistik und Filmwissenschaft in Zürich. Film- und Serienredaktorin beim Schweizer Fernsehen.
(Stand: 2017)
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