VERONIKA GROB

SCHWARZE SCHAFE (OLIVER RIHS)

SELECTION CINEMA

Während im Schweizer Wahlkampf die Schafe um die Wette blöken, erobert der charmanttabulose Berliner Kiezfilm Schwarze Schafe die Kinoleinwand und mischt die Schweizer Filmszene auf. Der im Kanton Zürich geborene Wahlberliner Oliver Rihs hat seinen schwarz-weissen Episodenfilm ohne Fördergelder realisiert. Und so konnte sich die Low-Budget-Produktion rotzfrech über jegliche Kommissions-Kompromisse und TV-Machbarkeitsstudien hinwegsetzen. Das ist ganz schön erfrischend.

Die Schweizer Autoren, die Oliver Rihs für seine Liebeserklärung an Berlins Anarchos und Loser zusammengetrommelt hat, konnten sich im Setting der deutschen «Arm, aber sexy»-Hauptstadt richtig austoben. Rihs, der nach Brombeerchen (CH 2002) mit Schwarze Schafe seinen zweiten Kinofilm vorlegt, und sein Basler Koproduzent und Kameramann Olivier Kolbe sahen sich als «eine Art Ideen-Fänger», welche die Inputs ihrer Zürcher Kollegen kanalisierten. Unter anderem haben die beiden Strähl- und Achtung, fertig, Charlie!-Autoren David Keller und Michael Sauter Episoden beigesteuert sowie der Zürcher Regisseur Thomas Hess. Der vielleicht etwas unstete, aber immer schwarzhumorige Reigen wird eröffnet mit Boris, der sich als schnöseliger Adeliger ausgibt, und sich mit einem vorgetäuschten Erstickungsanfall in einem Nobelrestaurant nicht nur die Luxussuite, sondern auch scharfen Sex mit einer Vogue-Redakteurin erschleicht. Derweil wollen zwei kiffende Junghippies eine Arbeitsgemeinschaft arbeitsloser Künstler anheuern, um ihre Wohnung gratis renovieren zu lassen, kriegen aber selbst einen Job verpasst. Charlotte macht Touristenführungen auf der Spree und schämt sich dafür vor ihrer ehemaligen Studienkollegin, die auf dem Dampfer mit ihrem Münchner Schickimicki-Mann naserümpfend Rotkäppchen-Sekt nippt. Was ihnen Charlottes sturzbesoffener Freund Peter mit dem Ruf: «Dies ist Feindesland!» und seinem Mageninhalt zurückzahlt. Zwei Satanisten missbrauchen die komatöse Oma für ein teuflisches Ritual, und eine türkische Secondo- Gang ist auf der verzweifelten Suche nach dem ultimativen Fick, die sie nicht nur in den legendären Kitkat-Club führt, sondern auch an eine Goa-Party am Müggelsee.

Der mit wenigen Farbakzenten versehene Schwarz-Weiss-Film ist mit Lust inszeniert, schmissig geschnitten und mit einem funkigen Soundtrack der kanadisch-deutschen Band King Khan unterlegt. Vor allem profitierte Rihs aber davon, dass sich mit Robert Stadlober, Jule Böwe, Bruno Cathomas, Oktay Özdemir, Milan Peschel und vielen anderen eine ganze Riege hervorragender Schauspieler gratis als schwarze Schafe zur Verfügung stellten. Der tabulose Film, der mit massivem Einsatz von Körperflüssigkeiten einige moralische Grenzen benässt, mag nicht jedermanns Geschmack sein. Umso mehr freuen einen die Auszeichnung in Schwerin und Hof und die guten Besucherzah- len aus Berlin und Zürich. Und in einem gran- diosen Schlussbild gelingt es dem Punkfilm, sich hoffnungsfroh aus dem urbanen Sumpf zu ziehen. Nach einer langen Nacht springen die drei dauergeilen Secondos bei sanftem Morgennebel und mit Mammuterektionen in den Müggelsee: «Natur ist geil, Mann!»

Veronika Grob
*1971, Studium der Literaturwissenschaften, arbeitet in der Filmredaktion des Schweizer Fernsehens. Sie ist Vorstandspräsidentin des Kinos Xenix und in der Fachkommission Spielfilm der Zürcher Filmstiftung. Mitglied der CINEMA-Redaktion von 2002–2007.
(Stand: 2011)
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