DANIELA JANSER

IL NEIGE À MARRAKECH (HICHAM ALHAYAT)

SELECTION CINEMA

Die Kernidee von Il neige à Marrakech, das marokkanische Skigebiet Oukaimeden als schweizerisches Splügen auszugeben, hat viel Charme und Witz. Ein marokkanischer Opa möchte unbedingt in die Schweiz zum Skifahren. Er besitzt einen Schweiz-Schrein an seinem Bett, den er hingebungsvoll anbetet. Aber obwohl sich sein Sohn mehrfach bemüht, wird ihnen kein Visum für die ersehnte Reise in die Schweiz ausgestellt. Man hat Angst, dem altersschwachen Herrn die schlechte Botschaft zu überbringen. Als Ausweg verfrachtet man den mit einer massiven Dosis Schlafmittel ausser Gefecht Gesetzten ins nahe einheimische Skigebiet Oukaimeden. Etwas Schnee und ein paar Sessellifte hat es dort zwar auch, aber sonst gibt es leider recht viele Anzeichen dafür, dass man nicht in den Schweizer Bergen ist. Trotzdem erzählt der Sohn, man sei jetzt in Splügen und zerbricht dem misstrauischen Alten dann kurzerhand die Brille, um sein konstantes Gejammer über «keine Chalets, keine Föhren, keine Kühe» abzublocken. Sie gehen essen. Zwei Verbündete haben das Restaurant in Windeseile fast erfolgreich zum Chalet umdekoriert. Der alte Mann lässt sich nicht mit Steak und Pommes Frites abspeisen, sondern will ein Käsefondue. Dass dieses aus geschmolzenen Tigerkäsli besteht, dreht dem Sohn den Magen um, aber der Papa ist glücklich. Erst recht als eine Skischönheit mit ihm für ein Erinnerungsfoto posiert. Und natürlich ist der Alte nur halb so naiv, wie der Sohn vermutet. Jede Notlüge des Sohns nimmt er zum Anlass, um forsch weitere Begehrlichkeiten zu äussern.

Der 1974 in Marrakesch geborene und in Genf ausgebildete Schauspieler und Regisseur Alhayat (Sexe, beur & confiture und Haunted) erzählt seine Geschichte temporeich, witzig und in wohlproportionierten kleinen Szenen. Die stimmige Kurzfilm-Komödie Il neige à Marrakech ist überdies ein charmanter ironischer Kommentar zu gewissen Auswüchsen einer überdeutlich mit helvetischen Accessoires und Themen angereicherten einheimischen Filmproduktion. Aber auch die handfeste politische Dimension fehlt in der holprig-herzigen «Swissness»-Scharade nicht, wird doch dem schweizverliebten alten Mann wiederholt ein Touristenvisum verweigert. Die treffend gewählten Musikeinlagen und die knappen Dialoge tun das Ihre dazu, um den kleinen Film zum grossen Vergnügen zu machen. Im Frühjahr 2007 hat Hicham Alhayat vom BAK 20 000 Franken als Drehbuchbeitrag für ein Langspielfilmprojekt mit Titel Il neige à Marrakech gesprochen bekommen.

Daniela Janser
geb. 1974, Studium der Anglistik und Germanistik in Zürich. Promotion zur Darstellung von Geiseln und Geiselnahmen in der US- amerikanischen Kulturgeschichte. Arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fotomuseum Winterthur und als freie Kulturjournalistin mit Schwerpunkt Film.
(Stand: 2009)
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