ANITA GERTISER

DER SCHRECKEN WOHNT IM SCHÖNEN

ESSAY

Im weissen Kittel, die Hände lässig in den Taschen, geht der Professor auf seinen Assistenten zu, der ihm ein auf einem Brett montiertes Gesichtsmodell entgegenhält. Wir blicken von weit oben auf die fachkundige Runde. Mit blecherner Stimme verkündet der Dozent, worum es bei diesem Abdruck geht, während das Modell von Student zu Student die Stuhlreihen hinauf gereicht wird. Es handle sich um den Primäraffekt einer Erkrankung, so der Professor, die sich von Mensch zu Mensch übertrage. Dieser Satz wird sogleich visuell durch das Weiterreichen aufgegriffen. Als Letzter hält jener Student das Wachsmodell in Händen, den wir am Morgen beim Abschiednehmen von seiner Liebsten beobachtet und bis zur Uni begleitet haben. Die Szene spielt in Feind im Blut von Walter Ruttmann (D/CH 1931), einem Aufklärungsfilm zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten.

Während der Professor weiter von der gefährlichen Krankheit, den ersten Hautveränderungen an Mund oder Geschlechtsteilen spricht, versenkt der Student seinen Blick tief in das wächserne Antlitz. Es ist eine Moulage, ein lebensecht geformtes Wachsmodell der Erkrankung, das zum Studium der Medizin eingesetzt wird. Aus der Perspektive des Studenten bewegt sich der Unterkiefer des Halbgesichts uns entgegen. Nur Nase, Mund und Kinnpartie samt Halsansatz sind nachgebildet. Um das Modell ist ein Streifen Stoff weich und weiss drapiert, als ob das wächserne Gesicht beschützt werden müsste. Aschgrau glänzen die ebenmässigen Wangen, leicht und dunkel geschwungen liegt der Mund dazwischen. Ein grosser Fleck aber stört die Physiognomie, wuchert auf der unteren Lippe. Die gekräuselte Oberfläche, fast schwarz, lässt uns aufschrecken und Ungutes erahnen. Die warzige Geschwulst, die der Arzt Primäraffekt nennt, ist hervorgerufen – durch einen Kuss.

Wie ein Signal wirkt das letzte Wort, und das Bild springt von der Moulage zur Kinnpartie einer jungen Frau. Sie sitzt leicht schräg vor uns und dreht den Kopf anmutig zur Mitte. Ihre Konturen sind milchig unscharf verwischt. Die linke Wange ist hell beleuchtet, während Kinnspitze und rechte Wange im geheimnisvollen Schatten versinken. Auch der gefärbte Mund, zu einer Knospe geschlossen, verschwindet im Dunkel und lässt doch die Süsse der Küsse in uns anklingen. Licht und Schatten umschmeicheln das Gesicht, lassen es verzaubernd und makellos erscheinen.

Eine gefällige Tanzsaalmusik setzt ein. Ganz langsam tastet die Frau mit der Zunge über die Lippen, sucht nach verborgenen Knötchen. Sofort verbinden wir in unserer Vorstellung den gewölbten schwarzen Fleck der Moulage mit ihrem Mund. Obschon nichts deutlich zu sehen ist, steckt der Keim der Krankheit nun in ihren Lippen. Die Kamera weicht zurück, sodass allmählich ihr ganzes Gesicht zu sehen ist. Wackelnd bewegt sich die Linse von ihr weg. Und es scheint, als ob sie die Frau immer wieder in der Unschärfe verlöre. Es ist eine hübsche Frau, doch trauen wir dem Bild nicht mehr.

Der Übergang vom Anschauungsobjekt zur Frau markiert nicht nur eine örtliche und zeitliche Verbindung, vom Hörsaal zum Schlafgemach, wo der junge Medizinstudent, der nun in der Vorlesung sitzt und aufmerksam den Ausführungen des Professors folgt, die Nacht verbracht hat. Zugleich leitet er auch narrativ vom Lehrvortrag in die Handlung über und deutet (dem Thema entsprechend) an, dass die junge Frau möglicherweise krank ist. Die Bildbewegung suggeriert zudem die Infektion durch einen Kuss. Die Montage löst eine Reihe von Assoziationen in uns aus, die sich mit dem Geschehen auf der Leinwand vermischen.

Die Frau sitzt vor dem Spiegel, zieht sich die Lippen nach und macht sich schön. Doch die äussere Erscheinung trügt. Nun verdächtigen wir sie, die Erreger jener Krankheit in sich zu tragen, die, wie zuvor gehört, ihre Schönheit in wenigen Jahren zerfressen, ihre weichen Gesichtszüge entstellen, ihren samtigen Teint zerstören werden – die Syphilis.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galten Geschlechtskrankheiten und insbesondere die Syphilis als eine der Geisseln der Menschheit. Im sexuellen Akt übertragen, bedrohte sie nicht nur den Einzelnen oder die Einzelne, sondern ganze Familien, Volksgruppen und Nationen waren in Gefahr, wie die Dermatologen schwarz malten. Die Bezeichnung der Krankheit als Geissel impliziere ein moralisches Urteil, schreibt Susan Sontag in Krankheit als Metapher.1 Die Übertragung durch einen Kuss oder den Beischlaf ist verbunden mit dem Überschreiten von gesellschaftlichen Normen und mit Prostitution. Nicht in den Gemächern der heiligen Ehe vollzogen, sondern ausserhalb, in Hinterzimmern von Spelunken, in billigen Absteigen entlarven die syphilitischen Symptome das ungezügelte Treiben.

Tatsächlich, indem die Kamera immer mehr von der Frau zurückweicht, kommt ihr «wahres» Gesicht zum Vorschein. Zuerst noch schauen wir ihr zu, wie sie sich zurechtmacht. In schnellen Wechseln ist ihr Gesicht mit dem Porträt des Studenten montiert, um die enge Verbundenheit der beiden anzudeuten. Doch als die Frau im Brustbild im Spiegel erscheint, eine Zigarette rauchend, ist die geheimnisvolle Aura aus Licht und Schatten von ihr gewichen. Nachdenklich hält sie die Fotografie des Studenten in ihren Händen und packt sie dann energisch weg, um sogleich das Porträt eines anderen Mannes hinzustellen. Mit diesem Bildertausch, der zugleich den Männertausch expliziert, deklariert sie sich selber als «leichtes Mädchen» oder gar als Prostituierte.

Nun steht sie plötzlich nicht mehr als Inbegriff holden Liebreizes da, sondern als Verführerin, die einen aufrichtigen, ernsten Mann umgarnt hat, wie seinerzeit Eva mithilfe der Schlange Adam in Versuchung führte. Bilder der biblischen Eva, Urmutter der Verführung, Inbegriff der Sünde und verantwortlich für die Vertreibung aus dem Paradies, schieben sich in unsere Wahrnehmung. Mit dieser Assoziationsreihe wird die Krankheit mit dem religiösen Kontext verbunden und moralisch aufgeladen. Für Sontag hat sich durch die moralische Anschauung allmählich eine innere Verknüpfung zwischen Krankheit und «Opfer» entwickelt, was zur Vorstellung von der Krankheit als Strafe führte.

Aus dieser Perspektive erscheint die Syphilis sogar als gerechte Strafe für das Übertreten sittlicher Normen. Sympathie für den jungen Medizinstudenten und aufkeimende Antipathie der Frau gegenüber verstärkt unser moralisches Urteil, das aus heutiger Sicht heuchlerisch wirkt. Es stellt sich auch keine Genugtuung ein, wie dies in einem Märchen mit einer klar getrennten Gut-Böse-Dichotomie geschehen würde. Denn jedes «Opfer» kann selber wieder zum «Täter» werden. Der Krankheit wohnt die ethische Schuld der Weiteransteckung inne. Unwissend und voller neuer Hoffnung könnte der Student die Krankheit an die Sekretärin weitergeben, die er kurze Zeit später kennen lernt. Wir bangen um sein künftiges Glück. Und die neue Freundin könnte ihrerseits den Keim der Krankheit weiterreichen, wenn ihre Liebe erloschen wäre und sie einen anderen gefunden hätte – gerade so, wie die Moulage von Stufe zu Stufe gereicht worden ist –, bis immer mehr Menschen die Krankheit in sich trügen.

Der Affekt am Mund ist nur ein erstes Zeichen, wie der Professor erklärt hat. Bald werden die Erreger den ganzen Körper befallen. Ohne rechtzeitige Behandlung schreitet die Entzündung fort, bis weitere Organe infiziert, der ganze Organismus zerfressen ist. So wird der Krankheitsverlauf in Lexika beschrieben. Die Hautmerkmale zeugen von innerer Dekadenz, Promiskuität und Perversion, die die Erkrankung zu verantworten haben. Die damit verwandten Eigenschaften wie Genusssucht, Zügellosigkeit, Übermass und Exzess manifestieren sich auch in der materiellen Welt. Schwellungen, Pusteln, Papeln, wässerige Blattern und eitriger Ausschlag künden vom Zerfall des Körpers. Die Symptome sind so inszeniert, dass die physischen Veränderungen möglichst plastisch in Erscheinung treten. Sie erwecken den Eindruck, als ob sie vor unseren Augen faulen, eitern, sich zersetzen und einen verwesenden Gestank absondern – Ekel erregend.

Hinter dem Bild der Schönen, deren Antlitz sich als Maske entpuppt, lauert bereits die Fratze des Todes. Noch mag sie sich herausputzen, mit Lippenstift und Puder die Makel verdecken, doch ist alles nur Schein. Sie erinnert an Illustrationen der mittelalterlichen Ermahnungsliteratur: vanitas und memento mori.

Die vanitas (Nichtigkeit, Eitelkeit) thematisiert die Vergänglichkeit des irdischen Lebens. Verkörpert wird sie durch eine schöne Frau, die sich eine Maske mit ihrem reinen Konterfei vor das Gesicht halt. Hinter der Maske lauert der Totenschädel. Die Darstellung soll die Gläubigen ermahnen, gottesfürchtig zu leben und sich noch im Diesseits auf den Tod vorzubereiten, damit man nicht wegen eines Moments des Sich-Vergessens zu ewiger Nacht verdammt wird.

Dem Hin und Her zwischen Maske und Gesicht, der Bewegung vom entstellenden Affekt der Moulage zu den ebenmässigen Zügen der jungen Frau, ist auch ein philosophischer Diskurs unterlegt. Für Immanuel Kant ist das absolut Schöne kaum zu ertragen, denn es birgt in sich seine Kehrseite, den Ekel. Das allzu Süsse, allzu Schöne, droht ins Gegenteil zu kippen. Genau diese Gefahr ist durch die Schnittfolge in die Narration von Feind im Blut eingeschrieben. Das Übermässige, allzu Weiche und Schöne löst einen Überdrussekel oder auch Schönheitsekel aus. Die Kumulation ungetrübter Annehmlichkeit trägt in sich eine quantitative Art des Ekels, die mit dem Gefühl der (Über-)Sättigung zusammenhängt. Dies gilt im Besonderen für die Sexualität. Im 18. Jahrhundert hatte der Ekel vor sexueller Erfüllung eine Leitfunktion, wenn auch ausserhalb der ästhetischen Debatte. Das Zuviel, das sich in eben diesem Moment der Befriedigung eröffnet, löst den Exzessekel aus. Die eben gestillte Begierde, die Sättigungslust, die sich im Moment erfüllt, kann in Überdruss umschlagen. Zur Angst vor der Ansteckung gesellt sich der Ekel, der uns zurückweichen lässt.

Ein Kippen nur, ein Schnitt, der das eine Bild ans nächste klebt, löst einen Prozess aus, der nicht nur Moulage und Frau verbindet, sondern vielmehr eine Serie von Assoziationen wachruft. Sie legen sich wie konzentrische Kreise um die Szene, fügen ihr immer neue Gedanken, Gefühle und Bedeutungen hinzu. Betrachtet man die Reihe der evozierten Überlegungen, so wird klar, dass die Bildfolge im Grunde optisch in Bewegung setzt, was dem Schönen kulturell immanent ist. Sie bringt an die Oberfläche, dass dem Schönen immer schon das Hässliche, die Angst, der Schrecken innewohnt.

Sontag, Susan: Krankheit als Metapher & Aids und seine Metaphern. München, Wien: Carl Hanser, 2003 (zuerst 1977).

Anita Gertiser
Dr. phil., Filmwissenschaftlerin und Dozentin für Kommunikation und Kultur an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Mitarbeiterin im SNF-Forschungsprojekt: Ansichten und Einstellungen: Zur Geschichte des dokumentarischen Films in der Schweiz 1896–1964 des Seminars für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Dissertation: Falsche Scham: Strategien der Über­zeugung in Aufklärungsfilmen zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten 1915–1935 (2009). Seit 2007 Mitglied der CINEMA-Redaktion.
(Stand: 2017)
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