NATALIE BÖHLER

DAS FRÄULEIN (ANDREA ŠTAKA)

SELECTION CINEMA

In einer Detailaufnahme schneiden Männerhände mit einem Messer die Zweige eines Strauchs, er ist voller junger Triebe. Ein schönes Bild in zarten Farben, untermalt von leiser Musik – bis plötzlich Bild und Ton durch einen harten Schnitt abgezwackt werden. Im Schwarz, das darauf folgt, erscheint der Filmtitel.

Andrea Štakas erster Spielfilm handelt von drei Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien, die sich fernab ihrer Heimat in Zürich begegnen. Ruÿa ist Mitte fünfzig und vor über dreissig Jahren aus Belgrad in die Schweiz gekommen. Durch harte Arbeit und ein diszipliniertes Leben hat sie sich eine eigenständige Existenz aufgebaut. Sie hat mit der Vergangenheit gebrochen, verdrängt ihre Herkunft und erlaubt sich keinerlei Wehmut oder Schwäche, niemals – auf Kosten zwischenmenschlicher Wärme. Ein ganz anderes Leben führt die sechzigjährige Mila, Ruÿas Angestellte: Sie und ihr Mann leben seit Jahrzehnten in Zürich und träumen von einer Heimkehr nach Kroatien. Wie ein Wirbelwind fegt Ana, eine junge Bosnierin, in das Leben der beiden: Sie ist vor kurzem aus Sarajevo und vor dem Schrecken des Kriegs geflohen und nimmt in Ruaÿs Kantine aus Geldnot einen Job an. Kaum angekommen, bringt sie das festgefahrene Dasein der älteren Frauen gehörig durcheinander. Ruÿa fühlt sich von Anas Direktheit und Lebensfreude gleichzeitig angezogen und verunsichert. Langsam und zögerlich entsteht eine Freundschaft, die durch die Gemeinsamkeiten und Differenzen sperrig und bereichernd zugleich ist und die Isolation der drei Frauen zu überbrücken vermag.

Das Fräulein spürt den Auswirkungen der Emigration und des Balkankriegs in den Lebenshaltungen der Frauen nach. Die Existenz im fremden Land fühlt sich an wie eine in der Schwebe: heimkehren oder bleiben? Trauer und Freude zulassen oder übergehen? Die Wurzeln – so viel wird klar – graben sich woanders nicht so einfach ein, als wäre nichts geschehen. Das Anfangsbild des Films, das die abgeschnittenen Zweige zeigt, wird zu einem Sinnbild dafür. Die atmosphärische Kameraarbeit gibt die Einsamkeit der Menschen in der Stadt wieder: Zürich erscheint in graublauen Tönen und wirkt feuchtkühl, seine Bewohner sind geschäftig und leben ein jeder für sich.

Als Lebensraum bietet die Schweiz eine friedliche und materiell sicherere Existenz, doch auch Verwirrung: Als bei einem Ausflug in die verschneiten Alpen der Sessellift stehen bleibt, schwankt die Stimmung zwischen Ratlosigkeit und Belustigung über die ungewohnte Situation.

Die hervorragenden Schauspielerinnen werden von einer sensiblen Kamera betrachtet, die stets die richtige Distanz zu ihnen findet und harmonisch zusammenwirkt mit einem Schnitt, der jeder Einstellung genau die angemessene Länge gibt. Das Fräulein ist ein eindrückliches Spielfilmdebüt; es gewann in Locarno den Pardo d’Oro und wurde in Sarajevo mit dem Heart of Sarajevo Award ausgezeichnet.

Natalie Böhler
Filmwissenschaftlerin, lebt in Zürich. Mitglied der CINEMA-Redaktion 2002-2007. Promotion zu Nationalismus im zeitgenössischen thailändischen Film. Interessenschwerpunkte: World Cinema, Südostasiatischer Film, Geister im Film.
(Stand: 2016)
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