DORIS SENN

DAS ERBE DER BERGLER (ERICH LANGJAHR)

SELECTION CINEMA

Wilderheuer heissen sie, und sie gelten als Ikonen des Schweizertums. Mit ihrem charakteristischen weissen Kapuzenhemd und den Holzschuhen repräsentierten sie nicht selten in Skulpturen und Gemälden, etwa von Ferdinand Hodler, gar den Urschweizer par excellence: Wilhelm Tell. Erich Langjahr porträtiert nun die letzten Vertreter dieses aussterbenden «Handwerks» in seinem Film Das Erbe der Bergler. Er zeigt, wie sie noch heute Ende Sommer hinaufsteigen, um die Bergwiesen zu mähen. Wie sie am Steilhang stehen, das Gras mit der Sense schneiden und es anschliessend in groben Netzen bündeln. Wie sie die Heuballen, unter deren Volumen sie fast verschwinden, zur Seilwinde tragen, die gewichtigen «Päcklein» dann am dicken Draht befestigen und ein paar hundert Meter talwärts zu den Ställen schicken, wo das Heu sorgsam für den Winter verstaut wird.

Aufgestöbert hat der Filmemacher diese letzten Wildheuer im Innerschweizer Muotatal. Einst war dort das Wildheuen von existenzieller Bedeutung: Männer ohne eigenes Land durften auf den hoch gelegenen Wildwiesen das Gras mähen, um einen Batzen dazuzuverdienen oder um das eigene Vieh damit durch den Winter zu bringen. Alte Fotografien zeigen ein ansehnliches Grüppchen – vor einem halben Jahrhundert waren es noch mehr als sechzig Heuer, die eine Woche und mehr auf der Alp zubrachten. Heute sind es bloss noch eine Handvoll, vorwiegend Ältere, die das Wildheuen aus Tradition aufrechterhalten.

Wie schon in seinen Filmen Sennen-Ballade (1996) oder Hirtenreise ins dritte Jahrtausend (2002), mit denen Das Erbe der Bergler eine Trilogie bildet, gibt Langjahr Einblick in ein friedvolles Mit-und-aus-der-Natur-Leben. Seinen erzählerischen Bogen beginnt er beim Schuhwerk. Bedächtig vertieft sich die Kamera in die Arbeitsschritte für dessen Herstellung und zeigt, wie sich das Sägeblatt durch das Holz fräst, wie gehobelt und geschmirgelt wird; wie schliesslich die Lederbändel über den «Holzschiffchen» angebracht und die extra geschmiedeten Griffeisen an die Sohle genagelt werden. Dann erst steigt die Kamera mit den Heuern hoch über die grünen Kuppen und das Felsgestein, über silbern glänzende Wasserläufe hinauf zu den Wildwiesen. Um sieben Uhr in der Früh beginnt das «Zirknen» – das Auslosen der Wiesenstücke –, man trinkt schwarzen Kaffee und «etwas Geistiges» und macht sich dann an die Arbeit.

Das Tun der Wildheuer dokumentiert der Film praktisch ohne Kommentar – einzig Insekten hört man summen, Holzschuhe knirschen, das Heu knistern. Kleine, urige Musikausschnitte (Hans Kennel), zusammengesetzt aus Juzern, Klatschen oder Klängen des Büchel, finden sich als markante Einsprengsel. In ruhigen Bildern zeichnet Langjahr, der selbst die Kamera geführt hat, eine Idylle – auch wenn er selbst nichts von Nostalgie wissen will. Das «Wissen um das einfache Leben» stehe für ihn im Vordergrund, meint er, und die innere Bedeutung dieser «Überlebenskultur», die sich der heutigen Zivilisation entgegensetze. So lässt Das Erbe der Bergler denn auch eintauchen in dieses harmonische Geben und Nehmen von Mensch und Berg – jedoch ohne die Berührungsflächen mit der Neuzeit auszublenden: Mit einem Augenzwinkern klingt der Film aus und zeigt das Nebeneinander von Tradition und Moderne, wenn sein Protagonist, der Wildheuer und Postangestellte Erich Gwerder, mit seinen Inlineskates durch die Gegend flitzt.

Doris Senn
*1957, Studium der Romanistik, der Euro­päischen Volksliteratur und der Filmwissenschaft. Freie Filmjournalistin sowie seit 2001 Co-Leiterin des schwullesbischen Filmfestivals Pink Apple. Lebt in Zürich.
(Stand: 2017)
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