NATALIE BÖHLER

DER NOTAUSGANG

ESSAY

Neben der grossen leuchtenden Leinwand gibt es im dunklen Kinosaal einen zweiten hellen Fleck: das Schild des Notausgangs. Klein und bescheiden leuchtet es vor sich hin, wie selbstverständlich ist es da, ungefragt, weil es da sein muss. Es tut ganz einfach seine Arbeit.

Im Gegensatz zur Leinwand verändert sich das Aussehen des Notausgangschilds während des ganzen Kinobesuchs nie. Die Schilder ähneln sich alle: Meistens sind sie weiss auf grün, selten rot. Manchmal steht darauf «Notausgang», wahlweise auch «Exit». Oft ist ein Piktogramm zu sehen: In Schräglage rennt ein Strichmännchen auf eine Tür zu, selten gefolgt von niedlichen Flämmchen. Dazu ein Pfeil. Im Ausland macht es Spass, die fremden Schriftzüge zu studieren: Wie liest man diese Schnörkel und Ecken? Wie spricht man sie aus? Doch eigentlich weiss man ganz sachlich: ach so, der Notausgang.

Seine Existenz ist rein zweckgebunden. Die Show, das wissen alle, gehört ganz der Leinwand, der Diva des Abends. Manchmal aber, bei langen schummrigen oder monochromen Szenen etwa oder bei übermässig ernsten und traurigen, stört die Helligkeit des Notausgangschilds. Still und leise nervt es dann, als würde es gegen die Leinwand aufbegehren und, ganz im Wissen um seine Chancenlosigkeit, aufsässig werden, indem es um jeden Preis die Alltagsrealität in den Film zerren will.

Manchmal geschieht eine seltsame Verlagerung: Die unausgesprochenen Implikationen des Schilds regen die Fantasie an. Was wäre, wenn? Welche Katastrophen sind in einem Kinosaal denn möglich? Eine Feuersbrunst? Ein einstürzendes Dach? Ein Amoklauf? Panikanfälle! Sturm auf das kleine grüne Schild! Niedergetrampelte und ohnmächtige Zuschauer unter den Sitzreihen! Je weniger der Film zu fesseln vermag, umso farbiger kann man sich die Katastrophe ausmalen. Das Schild kriegt seine fünfzehn Minuten Ruhm, wenn es zum Notausgang der Fantasie wird.

Im Februar 2003 wurden etwa 31’000 Exit-Schilder der Firma Thomas & Betts Corporation in Memphis, Tennessee, zurückgerufen. Das Problem war eine elektrische Komponente der Lampe, die bald überhitzte und es vermochte, das Plastikgehäuse zum Schmelzen zu bringen, was in den schlimmsten Fällen zum Brand führte. Es ist, als hätte das Notausgangschild für einmal nach Aufmerksamkeit verlangt und eine kleine, subversive Revolution angezettelt, doch die Gefahr wurde rasch gebannt: Die Firma bot Betroffenen ein Gratis-Reparaturset an.

Die paar Sekunden, während denen die Türe des Notausgangs sich öffnet, weil jemand den Saal während der Vorführung verlässt, reichen schon aus, um Zweifel zu wecken. Gefällt dem jetzt der Film nicht, und was hat er sonst vor, und gefällt mir selbst eigentlich der Film so sehr, dass es sich lohnt, ihn zu Ende zu sehen? Was könnte ich sonst alles tun? Manche Notausgangtüren öffnen sich direkt ins Freie, ohne Zwischengang, sodass während des Films plötzlich die Aussenwelt wieder einbricht: das Leben auf der nächtlichen Strasse vor dem Kino, die Menschen im Ausgang, die Lichter der Stadt. Vielleicht ist es draussen auch Tag; dann flutet einen Moment lang die Helligkeit in den Kinosaal, lässt das Filmbild wie in einer strahlenden Weissblende verblassen und erinnert daran, wie flüchtig und zerbrechlich das Lichtspiel auf der Leinwand ist.

Nach dem Film gibt es zwei Möglichkeiten, den Saal zu verlassen, die sich grundlegend unterscheiden. Der Rückweg durchs Kinofoyer bedeutet, an die Erwartung und Stimmung vor dem Kinobesuch erinnert zu werden und vielleicht den Gästen der nächsten Vorstellung und ihrer Vorfreude zu begegnen. Unwillkürlich vergleicht man die eigenen Filmeindrücke mit dieser Vorfreude: Hat das Gesehene die Erwartungen erfüllt? Und was erhoffen sich wohl die nächsten Besucher, die dieses Unterhaltungsfliessband durchlaufen?

Durch den Notausgang aus dem Saal geschleust zu werden, heisst hingegen zu sehen: Hier wären wir also im Notfall durchgerannt. Wieder kriegt die Fantasie freien Auslauf. Was würde geschehen, wenn panische Menschen auf den Stufen stolperten? Wenn man hier die Hand des anderen verlieren würde? Doch weil keine Katastrophe geschehen ist, weil der Kinobesuch wieder einmal glimpflich verlaufen ist, bleibt das Verlassen des Saales reine Routine und der Notausgang jene unspektakuläre Wegstrecke, die man ganz einfach durchschreitet und an der höchstens der Pragmatismus auffällt, der im Gegensatz zum herausgeputzten Kinofoyer steht. Diese Nüchternheit macht den Notausgang zur neutralen, anpassungsfähigen Kulisse. Seine Schmucklosigkeit schmerzt, wenn sie den eigenen Alltag im Vergleich zum Film unbedeutend und grau erscheinen lässt. Doch der Notausgang kann auch schützenden Raum bieten, dem Film für ein paar letzte Momente nachzuhängen, das neu Erlebte auszukosten, bevor einen die Aussenwelt wieder ablenkt – wie das gemächliche Erwachen aus einem verträumten Schlaf, das manchmal nicht langsam genug sein kann.

Im Fall einer Katastrophe weist der Notausgang den Weg in die Sicherheit. Ansonsten aber stellt sich die Frage, welches das grössere Risiko ist: sich der Welt des Films auszuliefern oder der Rückkehr in die eigene Welt danach.

Natalie Böhler
Filmwissenschaftlerin, lebt in Zürich. Mitglied der CINEMA-Redaktion 2002-2007. Promotion zu Nationalismus im zeitgenössischen thailändischen Film. Interessenschwerpunkte: World Cinema, Südostasiatischer Film, Geister im Film.
(Stand: 2016)
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