LAURA DANIEL

MA FAMILLE AFRICAINE (THOMAS THÜMENA)

SELECTION CINEMA

Als Regisseur Thomas Thümena und seine spätere Frau Lea Zézé sich an einer Geburtstagsparty zum ersten Mal begegneten, dachte Lea, er sei ein Pornofilmregisseur, da er den Anlass auf Video bannte. Thomas hielt sie für eine Prostituierte. Dem anfänglichen Missverständnis zum Trotz wurde aus den beiden ein Liebesund Ehepaar. Bei der Geburt ihres Sohnes Yann setzt die rasante Dokumentation und filmische Reflexion Thümenas ein, die uns fortan durch die Höhen und Tiefen ihrer Beziehung führen wird, in der es nicht nur die kulturelle Differenz zwischen Abidjan und der Schweiz zu überwinden gilt. Dort also, wo die Möglichkeit des Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Herkunft nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch funktionieren soll, setzt der Schweizer Regisseur an und erörtert im Selbstversuch, inwiefern interkontinentale Beziehungen lebbar sind. Die Beziehung entpuppt sich als Balanceakt, in dem unterschiedliche Lebenswelten und Vorstellungen in aller Wucht aufeinander prallen. Die explosive Mischung dieses Paares bietet nämlich reichlich Stoff für Konflikte: Gegenseitig werden hohe Ansprüche aneinander gestellt – Enttäuschungen sind vorprogrammiert.

Mutig und offen erzählt Thümena von der eigenen Ohmacht gegenüber unüberbrückbaren Differenzen, den Schuldgefühlen im Angesicht der Lebenssituation von Leas Familie und den eigenen Grenzen im Versuch, ihr Anderssein zu verstehen. In Thümenas Blick auf diese Verbindung und die damit zusammenhängenden Themen wie Integration, das Verhältnis Europas zu Afrika und die Hoffnungen und Erwartungen jener, die nach Europa aufbrechen, wechseln sich Zorn und Zärtlichkeit ab. Wir erleben ihn fluchend in der Küche seiner Schweizer Wohnung, als er feststellen muss, dass der Inhalt seines Reisekoffers – tote Affen und anderes hübsch anzuschauendes totes Getier – auf den Boden quillt, weil irgendetwas ausgelaufen ist. Die Mitbringsel waren für die afrikanischen Freunde in Zürich gedacht, die nur selten in den Genuss dieser Spezialitäten aus ihrer Heimat kommen – Thümena jedoch scheint ihre Freude über die Delikatessen nicht zu teilen. Doch nicht nur das scheinbar Unlösbare kommt in Ma famille africaine zur Sprache, auch die Chancen, Möglichkeiten und Freuden einer Kontinent übergreifenden Beziehung zwischen einem leicht neurotischen Schweizer und einer stolzen Afrikanerin werden beleuchtet und unter anderem durch den beschwingten Soundtrack bestärkt. Denn trotz aller Missverständnisse bleibt am Ende die Liebe zwischen zwei Menschen bestehen, die sich trotz aller Unterschiede gefunden haben.

Ma famille africaine lief erfolgreich in den Schweizer Kinos und wurde sowohl an nationalen als auch an internationalen Festivals gezeigt. Zu Recht wurde er für den Schweizer Filmpreis 2005 nominiert. Mit Ma famille africaine hat Thümena ein kritisches, liebevoll gestaltetes und sehr persönliches Zeitdokument geschaffen, das sowohl formal als auch inhaltlich nie Langeweile aufkommen lässt.

Laura Daniel
geb. 1978, Studium an der Universität Zürich und der NYU, war Mitglied der CINEMA-Redaktion und des Organisationsteams der Internationalen Kurzfilmtage Winterthur. Lebt und arbeitet in Zürich.
(Stand: 2009)
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