DORIS SENN

THE GIANT BUDDHAS (CHRISTIAN FREI)

SELECTION CINEMA

Nach seinem Welterfolg War Photographer (2001), der für den Oscar nominiert wurde, wagt sich Christian Frei in seinem neusten Film an ein nicht minder spektakuläres Thema: die von den Taliban 2001 gesprengten Buddhastatuen im afghanischen Bamian-Tal. Dafür wählte der Filmemacher eine essayistische Form, in der er historische Recherche mit subjektivem Erlebnisbericht und ethnographische Reise mit journalistischer Reportage vereinte.

Im Zentrum stehen die rund 1500 Jahre alten Buddhas, die in riesigen Felsnischen über der braunen Einöde des Tals thronten. Erstmals erwähnt wurden sie in einem Reisebericht des chinesischen Wandermönchs Xuanzang im siebten nachchristlichen Jahrhundert. Ihre vergoldeten und mit Edelsteinen geschmückten Gesichter sollen – so die Legende – bei ihrer rituellen Enthüllung jeweils das ganze Tal erleuchtet haben. Frei folgt Xuanzangs Spuren und vergleicht dessen Aufzeichnungen mit den Überbleibseln der damaligen Hochkultur im Heute. Doch dies ist nur einer der Erzählstränge: Der Filmemacher besuchte auch die in Bamian lebenden Bewohner. Ihre primitiven Lebensumstände – in malerischen Bildern zelebriert von Peter Indergand, der auch in War Photographer die Kamera führte – erhöhen im Kontrast zu den Dimensionen der leeren Nischen die Grandiosität der verschwundenen Kolosse noch. Frei zeigt, dass die fundamentalistische Freveltat nicht nur einen Aufschrei der Empörung in der westlichen Welt auslöste, sondern auch das Gefüge der Talbewohner aus dem Lot brachte: Mit der Zerstörung der mit «Mama» und «Papa» betitelten Statuen wurde ein Teil ihrer Geschichte und Kultur dem Erdboden gleichgemacht.

The Giant Buddhas nähert sich seinem Thema aber auch aus journalistischer Warte – und spickt die Erzählung mit Suspense-Elementen: etwa wenn der Al-Jazeera-Starreporter Taysir Alony, der die Explosion der Buddhas inkognito für seine Fernsehstation filmen konnte, von den dramatischen Umständen der Sprengung erzählt. Oder wenn das erzählende Ich des Off-Kommentars amüsierthartnäckig dem mysteriösen Replikat der Buddhas im chinesischen Leshan nachspürt, das als Touristenattraktion nach der Zerstörung in Auftrag gegeben wurde und nun versteckt wird. Oder wenn die ambitiöse Suche des Strassburger Archäologen Zémaryalaï Tarzi, der seit Jahrzehnten einem 300 Meter langen, liegenden Buddha im Bamian-Tal auf der Spur ist, mitverfolgt wird.

Am Anfang des Filmprojekts von Christian Frei stand ein Auftrag von Forschern der Zürcher ETH, die sich mit der virtuellen Wiederherstellung der Monumentalstatuen auseinander setzen. Entstanden ist eine facettenreiche und mäandrierende Erzählung rund um Kultur, Geschichte und Politik. Ohne Partei zu nehmen, gibt The Giant Buddhas mit seiner ausschweifenden Form einer Vielzahl von Gesichtspunkten Raum und bietet so eine anregende Plattform für eine über den Film hinausgehende Auseinandersetzung um die Bedeutung und die Rekonstruktion von Kulturdenkmälern.

Doris Senn
*1957, Studium der Romanistik, der Euro­päischen Volksliteratur und der Filmwissenschaft. Freie Filmjournalistin sowie seit 2001 Co-Leiterin des schwullesbischen Filmfestivals Pink Apple. Lebt in Zürich.
(Stand: 2017)
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