ANITA GERTISER

DIE EROTIK DER DIDAKTIK — AUGUST KERNS RICHTIGES MELKEN – SAUBERE MILCH (1954)

ESSAY

Sanft und bestimmt streicht eine Hand den weichen Hautbeuteln entlang. Die Handflächen gleiten drei-, viermal über die krummelige Oberfläche, ertasten die inneren Organe, halten leicht eine Falte zwischen den Fingern und streifen die Milch von den obersten Kanälen in die Zisternen. Helles Licht modelliert eine hügelige Struktur auf die Haut, die samtig-glänzend widerscheint. August Kern hat Richtiges Melken – saubere Milch (CH 1954) sinnlich ins Bild gesetzt. Anders als andere Instruktionsfilme baut er nicht allein auf den Intellekt, vielmehr macht er das richtige Melken physisch erfahrbar. Und zwar in einer Art und Weise, die unter die Haut geht.

Auf den ersten Blick jedoch handelt es sich bei Richtiges Melken – saubere Milch um einen vorbildlich konstruierten Lehrfilm, der schrittweise und sehr informativ über die saubere Vorbereitung und die korrekten Handgriffe instruiert. Ganz klar ist der Film an ein Fachpublikum gerichtet, Bauern und Melker, denen Kenntnisse über die Milchbildung, der Zusammenhang zwischen Stallhygiene und Milchqualität in einer gut verständlichen Sprache erläutert werden. Der narrative Aufbau folgt der Chronologie der Stallarbeiten: von morgens, wenn der Melker den Stall betritt und erst den Mist der Nacht entfernen muss, bis zum Moment, wenn die Milch endlich in die Käsehütte gefahren werden kann. Die Abfolge der Handlungen ist immer wieder unterbrochen durch Ausflüge in den Stall des schmutzigen Melkers, durch animierte Zeichnungen, die wissenschaftliche Kenntnisse liefern, oder durch Experimente im Labor. Dadurch werden die Demonstrationen mit zusätzlichen Lehrinhalten angereichert, damit die Bauern und Melker nicht nur wissen, wie ein sauberer Stall auszusehen hat, sondern auch, warum dies so wichtig ist.

Kennzeichnend für einen Lehrfilm ist neben den erklärenden Kommentaren und der klaren Adressierung die Redundanz der Inhalte. Erst die Wiederholung verankert das Wissenswerte im Gedächtnis. Dies ist umso wichtiger bei einem Film, der Techniken vermittelt, die nicht gleichzeitig eingeübt werden können. Dabei baut der Film auf das Vorwissen der Zuschauer, dockt an ihren Erfahrungshorizont an und lässt sie ausgiebig zuschauen. Nicht ein Mal, sondern immer wieder werden deshalb die richtigen Handgriffe beim Melken demonstriert und ist das Objekt zentral ins Bild gerückt, damit nichts dem Auge des Betrachters entgehen kann. Sekundenlang schauen wir dem Knecht beim Auskehren zu, während der Kommentar erläutert. Wiederholung liegt in der Natur des Lernens, doch nicht allein. Auch Sexfilme beispielsweise bauen auf der Wiederholung auf, wie Bruce Kawin in Telling It Again and Again: Repetition in Literature and Film (1989) ausführlich schildert. Angeregt durch die explizit vorgeführten Spiele, soll der Zuschauer beim erotischen Genre zum unmittelbaren Teilnehmen animiert werden, während im Lehrfilm genau dies verpönt ist. Nicht weltvergessenes Miterleben ist erwünscht, sondern distanziertes Beobachten. Mittels Erläuterungen ruft der Kommentar die Zuschauer in die Realität zurück, so dass die Illusion gebrochen wird. Obschon auch die Stimme in Richtiges Melken – saubere Milch die Aufmerksamkeit immer wieder bündelt, geht der Film in seiner Darstellung über das Lehrfilmhafte hinaus.

Objektzentriertheit und das ausgiebige Präsentieren manueller Handlung sind zwei weitere Aspekte, die die beiden gar so unterschiedlichen Genres verbindet. Nicht die harten Tatsachen werden vor die Linse gezerrt, sondern subtil inzenierte Melktechnik, die einen an ganz anderes denken lässt. Die Inszenierung weckt Erinnerungen, lässt Streichelmomente wach werden, Augenblicke der Wärme, Weichheit – und des Genusses. Klar erinnert die Situation an frühkindliche Ernährungszustände wohliger Geborgenheit. Zugleich schaut man etwas geniert auf diese liebkosende Hand, fühlt sich ertappt. Dennoch bleibt der Blick festgeklebt. Man kann sich den massierenden Händen, den sanften, aber bestimmten Bewegungen nicht entziehen. Wohlgeformte Hautstrukturen, sinnliche Rundungen, Nähe und die unmittelbare Körperlichkeit deuten an, lancieren Assoziationen. Obwohl hier eine handwerkliche Fertigkeit vor Augen geführt wird, läuft im Kopf ein zweiter Film. Einer, der den eigenen Körper involviert.

Zu Beginn wird mittels des Hell-Dunkel-Kontrastes ein Wertesystem etabliert, das die Welt in erstrebenswert und nicht erstrebenswert teilt. Grell ausgeleuchtet, mit blendend weissen Wänden ist der Stall des Mustermelkers. Der Boden ist blank gespritzt, sein angenehmes Grau füllt das Bild. Auf dem Wasserstrahl tanzen schimmernde Lichttupfer und bleiben auf der nassen Haut kleben. Unter weichem Licht formt sich der Schenkel, kräuseln sich die Haare und wölbt sich das Euter unter der Hand des Melkers. Ganz anders beim schmutzigen Bauern. Staubverhangen lassen die Fenster nur trübes Licht ins Stallinnere, so dass die Melkszene wie hinter einem dunklen Schleier erscheint. Dreckverklebte Hinterläufe, mistbehangene Schwänze und die schwarz geränderten Fingernägel, die immer wieder in die Milch getaucht werden, lassen einen angeekelt zurückschrecken. In dieser Welt mag die Milch nicht leuchten, wirkt sie schal und fad. Bereits an ihrem Ursprungsort wird sie mit dem Dreck des Stalles infiziert, so dass in ihr Zersetzung, mögliche Krankheit und der saure Gärprozess immanent erscheinen.

Die Beleuchtung unterschiebt den Bildern somit eine Wertung, noch bevor der Kommentar den einen Melker lobt und den andern tadelt. Hell wird unweigerlich mit sauber und gesund assoziiert, dunkel mit schmutzig und krank. Damit übernimmt die Ausleuchtung bereits eine didaktische Funktion, die über die Worte hinausgeht. Mehr noch, der Film inszeniert die Sauberkeit und richtige Melktechnik in einer begehrlichen Art und Weise, die jenseits der Unterweisung und Ermahnungen wirkt.

Das heisst, die Bilder sind aufgeladen, vermitteln über ihren effektiven Inhalt hinaus und rufen sinnliche Wahrnehmungsmuster wach. Die Hand taucht die Bürste ins frische Wasser, in lang gestreckten Bewegungen zieht sie die Borsten über das Fell. Schmutz wird weggewaschen. Die feucht-weissen Haare schmiegen sich in weichem Bogen, werden leicht zur Seite gekämmt. Geschmeidig gibt die Haut dem Druck nach, um danach elastisch wieder zurückzugleiten, bevor ein neuer Zug über Schenkel und Euter striegelt. Die Kamera verfolgt nah jede Bewegung, jede Regung, die Wasser und Bürste verursachen. Am Ende wird das Euter mit verschiedenen Materialien trocken gerieben. Und es ist, als ob wir auf unserer eigenen Haut spürten, wie sich trockenes Sacktuch, Stroh oder der saubere Lappen anfühlen.

Den Bildern werden spezifische Deutungen unterschoben, die mit dem somatischen Erfahrungshorizont der Zuschauer korrespondieren. Jeder Handgriff, jede Geste offenbart den erfahrenen Melker, der seine Kühe kennt. Ohne zu schauen oder zu kontrollieren, findet seine Hand die Vertiefungen, ertastet die angeschwollenen Milchkanäle und massiert mit festem Griff die Milch gegen die Zitzen. Nie vergreift sich die Hand, nie wirken die Handlungen anstössig, die Arbeit ist vielmehr geprägt von Vertrauen und Respekt. Es herrscht eine Atmosphäre der Nähe, geschaffen durch die tägliche Arbeit, in die der Zuschauer tritt. Die Kamera lässt ihn an der routinierten Innigkeit teilhaben.

Was erstaunt, ist, dass die Kühe meist nur in der Detailansicht fotografiert sind – eine Flanke, das Euter zwischen den Oberschenkeln, eine Zitze in der Hand. Während der Melker oft von der Seite, sein Gesicht gross im Bild erscheint, wirkt die kopflose Kuh anonym. Er ist unser Agent im Film, er demonstriert, was wir Wesentliches über das Melken erfahren sollen. Mehr noch, mit ihm und durch ihn haben wir teil an den Handlungen, hocken neben der Kuh auf dem Schemel, bürsten den Dreck vom Euter, drücken die Zitze zwischen den Fingern. Dagegen wirkt die Kuh – so ohne Kopf – distanziert. Umso zentraler sind die Bewegungen, die das ganze Bild ausfüllen. Die intime Stimmung wird einzig aus den weichen Formen, den Haarwirbeln, dem sanften Drücken, den samtenen Strukturen, rund und fest, und den Händen aufgebaut, die den Körper kneten. Die Kuh wird zum Ding und damit steht die Handlung losgelöst für sich allein. Dies wiederum evoziert einen anderen Erfahrungskontext, als die Stallsituation vorgibt.

Die samtene Modellierung und die routinierten Bewegungen wecken angenehme Gefühle. Das Anmelken geht mit einer eingehenden Reinigung und Vorbereitung einher. Nach dem Ausmisten des Stalls und dem Waschen der Kühe bereitet sich der Melker auf das Melken vor. Die Hände werden ausgiebig unter dem fliessenden Wasser gegeneinander gerieben. Wasser perlt über Handrücken, rinnt den Fingern entlang. Seifenschaum blustert auf den Unterarmen. Zum Schluss werden die Hände eingefettet und mit einem glänzenden Film eingefasst, damit sie weich und geschmeidig sind und die zarte Haut der Zitzen nicht verletzen. Nun wird die Kuh vorbereitet, das Euter massiert, einmal, zweimal jede Zitze sanft nach unten gezogen, bis jeweils die ersten Tropfen weisser Milch in die Hand träufeln. Die Milch wird geprüft, danach beginnt das eigentliche Melken. Mit ganzer Hand greift der Melker das Euter, streicht und knetet es lange, bis die Milch einschiesst. Ruhige, eher langsame Bewegungen lassen dem Zuschauer Zeit zuzuschauen, den Bewegungen zu folgen, bis der eigene Erinnerungsraum anschwillt.

Dann beginnt die Instruktion: die richtige Melktechnik. Die Faust fasst die Zitze, hält sie sanft und fest umschlungen. Wiederholt langt die offene Hand nach dem Nippel, drückt die Finger rhythmisch nacheinander in das Fleisch. Zwischen den Beinen, von der Seite, ganz nah und in der Totale, immer wieder fassen die Finger einen der vier Hautzipfel, strippen auf und ab im Takt. Ein Moment der Spannung baut sich auf, bis der weisse Strahl hervorschiesst. Die Milch spritzt in kurzen, kräftigen Stössen in den Kessel. Allmählich steigt die weisse Flüssigkeit, schwappt, schäumt und zischt, so dass die Oberfläche immer von neuem erschüttert und erbebt.

Nicht nur eine Kuh muss gemolken werden, Nelly, Lotti und Chantal warten in Reih und Glied, bis sie dran sind. Auch auf die unterschiedliche Zitzengrösse und -beschaffenheit der einzelnen Kühe wird hingewiesen, die jeweils eine Anpassung der Handgriffe erfordert. Die Milch soll nicht aus den Zitzen gezerrt oder gequetscht werden, sie wird herausgestrichen oder eher herausgekitzelt. Ob mit drei Fingern, der ganzen Faust oder mit eingebogenem Daumen, es wird die passende Technik zur Zitzenlänge vermittelt.

Mit dem Ausmelken beginnt das Nachspiel. Erneut packt die offene Hand von hinten das Euter, wieder und wieder streicht und massiert sie die Haut und die Drüsen von allen Seiten. Die Hautfalte fest in der Hand, werden nun die Milchresten von weit oben aus den Bläschen herausgestreichelt, zwischen Daumen und Finger in die Kanäle gestreift und nach unten in die Zisternen gedrückt. Von allen Seiten ist dieses gedeihliche Massieren, Drücken und Streichen fotografiert, durch die Hinterbeine der Kuh, von der Flanke, über den Kopf des Melkers. Nochmals wölbt sich weich das Fleisch unter den Händen, werden die Haare sanft gepresst, spritzen die letzten Tropfen sämig und fettreich in den Kessel. Minutenlang folgen wir jeder Bewegung des Melkers, unser Blick gleitet über die wohlgeformten Nährorgane, unsere Gedanken wiegen sich in einer Handvoll Wonne, spüren geschmeidig und warm den Momenten nach.

Bevor der Zuschauer gänzlich ins Reich der Sinne abtaucht, wird er durch Zeichnungen und Kommentar auf die harte Schulbank zurückgeholt, wieder zum Unterrichtsgegenstand geführt. Möglichst sachlich und ausführlich wird über das Technische gesprochen. Animierte Modelle überblenden die melkende Hand und zeigen, was innerhalb der Euter geschieht, wie sich die Milch bildet oder wie sie ähnlich einem römischen Brunnen von Mulde zu Mulde schwappt. Schiebeblenden wischen die Träume zur Seite und zeigen, was passiert, wenn der Stall nicht sauber, die Milch verschmutzt ist. So legen sich über wachgerufene, sensitive Erinnerungen die Worte, mischen sich Bilder und Wissen zu einem festen Amalgam.

Richtiges Melken – saubere Milch driftet nie ab ins anstössig Vulgäre, im Gegenteil: Die Sinnlichkeit wirkt eher klinisch sauber. Was Kerns Film so interessant macht, ist, wie er einen Lauf voller Assoziationen zu lancieren vermag – dies ist eher eine Ausnahme für einen Lehrfilm –, die sich dann mit dem vordergründigen Lehrinhalt verbinden, so dass diese Inhalte mit dem Erfahrungshorizont korrelieren und fest verankert werden. Lernen mit Kern ist immer auch ein Erlebnis.

Anita Gertiser
Dr. phil., Filmwissenschaftlerin und Dozentin für Kommunikation und Kultur an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Mitarbeiterin im SNF-Forschungsprojekt: Ansichten und Einstellungen: Zur Geschichte des dokumentarischen Films in der Schweiz 1896–1964 des Seminars für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Dissertation: Falsche Scham: Strategien der Über­zeugung in Aufklärungsfilmen zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten 1915–1935 (2009). Seit 2007 Mitglied der CINEMA-Redaktion.
(Stand: 2017)
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