LAURA DANIEL

NAMIBIA CROSSINGS (PETER LIECHTI)

SELECTION CINEMA

Die Hambana Sound Company besteht aus zwölf MusikerInnen unterschiedlichster nationaler und musikalischer Herkunft: Sie vereint Perkussionisten, Bläser und Sängerinnen aus Namibia, Simbabwe, Angola, einen Akkordeonspieler und einen Schlagzeuger aus der Schweiz, eine Flötistin aus Russland und den schweizerisch-namibischen Cellisten Bernhard Göttert, der das Projekt ins Leben gerufen hat. Alle MusikerInnen haben ein Lied aus ihrer musikalischen Heimat mitgebracht, das sie dem Ensemble zur Verfügung stellen. Die Auswahl dieser Stücke schafft die Grundlage für vielfältige Improvisationen und Jams: Traditionelle, regional geprägte afrikanische Musik trifft auf Gospel trifft auf Folklore und Jazz – mit diesem vielfältigen Programm tourt das Ensemble durch Namibia. Die Erwartungen sind hoch und, wie sich zeigt, äusserst unterschiedlich. Das Projekt mit der ursprünglichen Idee, im interkulturellen Austausch nach tieferen Quellen zeitgenössischer Musik zu suchen, wird mehr und mehr überschattet von den unüberbrückbaren musikalischen und persönlichen Differenzen.

In gewohnt schonungsloser Ehrlichkeit dokumentiert Liechti die Schwierigkeiten und Grenzen dieses Projekts. Dabei verliert er weder die Schönheit Namibias aus den Augen noch den Humor, der sowohl innerhalb des Ensembles als auch in der filmischen Konfrontation mit der westafrikanischen Landschaft seinen Ausdruck findet – wenn er zum Beispiel zu den Klängen der Flöte eine Echse mit der Kamera verfolgt – und dieses schwierige, aber höchst interessante Projekt durchzieht.

Musikalische Sequenzen on- und offscreen, wunderschöne Landschaftsaufnahmen und der tagebuchartige Kommentar Liechtis offenbaren einen differenzierten Blick auf ein Projekt, dessen Ausgangslage zum Romantisieren verführen könnte. Doch in diese Falle ist Liechti noch nie getappt: Sein halb ironischer Kommentar leitet auch in Namibia Crossing souverän durch die verschiedenen Etappen dieses musikalischen Roadmovies, von der Hauptstadt Windhoek zur Küstenstadt Lüderitz. Das Ensemble besucht Missionsstationen, Townships und die Siedlungen der San, der Ureinwohner des Landes. Überall treffen sie auf Musik und Rhythmus, doch paradoxerweise ist das Interesse an einem musikalischen Austausch nicht überall vorhanden. Die San beispielsweise rauchen lieber und geben eher gelangweilt etwas zum Besten; die Kinder von Marienthal sind weitaus begeisterter von der lokalen jungen Amateurband, die sie zum wilden Tanzen animiert, als vom hochkarätigen Ensemble. Dass Liechti auch diese eher unrühmlichen Rückschläge dokumentiert, zeugt von seinem Bestreben, sich der romantischen Vorstellung von Afrika nicht hinzugeben, sondern die damit verbundenen Erwartungen vor dem Hintergrund von Kolonialherrschaft, Apartheid und der Realität von Aids auf eine sehr persönliche Art zu reflektieren.

Laura Daniel
geb. 1978, Studium an der Universität Zürich und der NYU, war Mitglied der CINEMA-Redaktion und des Organisationsteams der Internationalen Kurzfilmtage Winterthur. Lebt und arbeitet in Zürich.
(Stand: 2009)
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