NATALIE BÖHLER

STANDBY (ME) (MARIE-EVE HILDBRAND)

SELECTION CINEMA

Sie wartet auf ihren Traumprinzen, Tag und Nacht, sagt die Stimme aus dem Off. Er ist nach Italien verreist und ruft nicht an. Noch immer hinterlegt sie den Wohnungsschlüssel im Blumentopf. Sie schläft nackt, sie zählt bis 64, sie denkt: Das Telefon ist da, um benützt zu werden. Sie fragt sich, ob sie ihn zu sehr oder zu wenig liebt. Sie verzweifelt langsam.

In intimen Details erzählt die Offstimme von einem Mädchen und ihrem Liebeskummer. Aus Stand by Me, dem Titel eines Soulstücks von Sam Cooke, das die Wärme des liebevollen Beistands beschwört, wird Standby (Me): ein Ich in der Warteschlaufe, das durch diesen Ausnahmezustand aus seinem gewohnten Leben ausgeklammert wird. Der Alltag ist anders im Standby-Modus: Auf einmal ist Zeit im Überfluss da. Die Ziellosigkeit lässt den Blick auf Details fallen: die Katze am Strassenrand, die Vögel am Himmel, die Plastiktüte, die der Wind über eine Wiese weht. In der Haltlosigkeit und Verletzlichkeit des Alleinseins richtet sich der Blick nach innen: Die Kamera fängt Alltagsschnipsel ein, die zusammen mit dem Off-Kommentar eine radikal subjektive Perspektive wiedergeben. Aus dem Wechselspiel von Bild und Ton entstehen filmische Haikus, die das Publikum durch ihre Poesie bestechen.

Die Klammern um das «Me» verweisen vielleicht auch auf die Bescheidenheit, mit der das Erzählen angegangen wird: Die Einfachheit der Mittel macht die Komplexität des Gefühls erst richtig greifbar. Bei aller aufrichtiger Ernsthaftigkeit ist doch durchwegs eine leise Ironie da, die dem Erzählten seine Schwere nimmt: Die Mitbewohner lesen ihr ein hoffnungsloses Horoskop vor. Sie denkt, Romeo und Julia hätten ihre Probleme einfacher gelöst. An den Weihnachtsmann, sagt sie, glaubt sie schon längst nicht mehr – dabei bleibt der Kamerablick an einem alten bärtigen Mann hängen. So erzählt der Film nicht nur von Liebessorgen, sondern auch von deren Entwicklung: Er beginnt mit Aufnahmen von Zuhause, aus dem Fenster, mit introvertierten Gedankengängen. Nach und nach verlagert sich der Blick nach aussen, und der Film endet mit Bildern eines leeren Jahrmarkts: Vorbei ist der Trubel, die Plätze sind leer, das Riesenrad, nur noch halb erleuchtet, wird abgebaut. Nun ist es, sagt die Stimme, wohl Zeit, heimzukehren.

Natalie Böhler
Filmwissenschaftlerin, lebt in Zürich. Mitglied der CINEMA-Redaktion 2002-2007. Promotion zu Nationalismus im zeitgenössischen thailändischen Film. Interessenschwerpunkte: World Cinema, Südostasiatischer Film, Geister im Film.
(Stand: 2016)
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