VERONIKA GROB

FERIEN IM DUETT (DIETER GRÄNICHER)

SELECTION CINEMA

Dieter Gränicher kennt man als Dokumentarfilmer, der sich bisher vorwiegend schwierigen Themen wie der Trauer (Spuren der Trauer, 1986), dem Banker-Milieu (Der Duft des Geldes, 1998) oder der Depression (SeelenSchatten, 2002) widmete. Mit Ferien im Duett hat er ein federleichtes Experiment gewagt: Er schickte vier junge Paare mit einer DV-Kamera in die Ferien und liess sie ihre Erlebnisse filmen. Nach ihrer Rückkehr visionierte er das Material, arbeitete Schwerpunkte heraus und führte mit den vier Paaren Interviews, die er in Form von Talking-Head-Sequenzen oder Voice-over-Kommentaren in den Film einarbeitete. Entstanden ist eine unterhaltsame DokuSoap, die nicht nur viel über Paarbeziehungen verrät, sondern auch über das Verhalten von Schweizern im Ausland. Nicht zuletzt reflektiert Ferien im Duett das Bildermachen selbst.

Anna und Erich haben schon beim Packen Knatsch: Muss denn Erichs Wollmütze unbedingt mit auf die Safari in Namibia? Sascha fordert halb ironisch von Stefan, kein Angsthase zu sein und sie in dem «gefährlichen» Marokko zu beschützen. Daniela und Markus freuen sich nach dem rauschenden Hochzeitsfest auf ihre Flitterwochen in Australien. Salome hat Angst davor, dass sich Salsatänzer Walter in der kubanischen Kultur heimischer fühlen könnte als sie.

Die vier Paare stehen nicht nur in unterschiedlichen Phasen ihrer Beziehung, sondern wählen auch ganz verschiedene Arten, Ferien zu machen. Sascha und Stefan sind in Marokko auf der Suche nach dem Authentischen: Sie sind stolz darauf, wie Einheimische zu feilschen, aber der Garantieschein des gekauften Tigerbalsams wird trotzdem gleich kontrolliert. Anna – zum ersten Mal ohne Eltern unterwegs – weiss genau, was sie in Namibia interessiert: Sie will Löwen sehen, keine Nashörner. Ihr Freund Erich dagegen fühlt sich dabei als «Obertourist»; er stört sich am lauten Klicken der Fotoapparate, kaum taucht am Horizont ein wildes Tier auf.

Die hohen Erwartungen an die Ferienzeit, das dauernde Beisammensein und die Auseinandersetzung mit einer fremden Kultur können Paarbeziehungen auf die Probe stellen. Für Erich und Anna war die Safari denn auch die letzte gemeinsame Reise. In Havanna reagiert Salome gereizt auf Walter, sobald die beiden aber ins kubanische Hinterland weiterziehen, finden sie zurück zur Harmonie. Nicht nur, was uns die Paare zeigen, sondern auch wie sie es zeigen, verrät viel über sie. Während Stefan seine tatkräftige Sascha am liebsten im Sucher verfolgt, sieht man Walter und Salome meist gemeinsam im Bild.

Zusammengehalten wird Dieter Gränichers kunterbunter Feriendok durch die witzigen Klänge von Jürgen Kienbergers Claviola. Der live eingespielte Soundtrack des Musikers aus dem Theaterteam von Christoph Marthaler wird von Gränicher auch als «musikalische Reisebegleitung» bezeichnet.

Obwohl Gränicher mit Konventionen von Reality-Formaten spielt, wirkt Ferien im Duett nie voyeuristisch. Das filmische Experiment ist keine soziologische Analyse, sondern ein humorvolles, munteres Porträt von Ferienreisenden, das in vielen kleinen Details Tiefgründiges aufblitzen lässt. Manchmal aber auch nur Erkenntnisse, wie dass sich der kubanische Tropenregen auch nicht so anders anfühlt als das typische Züriwetter.

Veronika Grob
*1971, Studium der Literaturwissenschaften, arbeitet in der Filmredaktion des Schweizer Fernsehens. Sie ist Vorstandspräsidentin des Kinos Xenix und in der Fachkommission Spielfilm der Zürcher Filmstiftung. Mitglied der CINEMA-Redaktion von 2002–2007.
(Stand: 2011)
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